Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

21

Aber bei der großen Freude, die ſie erfaßt beim Anblick ihres wiedergewonnenen Gatten, tritt der ihrer fein organiſirten Natur innewohnende zarte, ſittliche Sinn unwillkürlich zu Tage, indem ſie einen Augenblick zaudert, ſeine blutbefleckte Hand zu ergreifen. So iſt in ihr, der liebenden Gattin, der treuen Mutter, die Gefühlsſeite am herrlichſten entwickelt, bald ſanft erregt, bald in leidenſchaft⸗ liche Klagen ausbrechend, immer aber auf dem Grunde eines tiefen ſittlichen Gefühls, durch die Liebe verklärt. So conzentrirt ſich ihr ganzes Sein in ihrem Daheim. Alles Andere, ſelbſt des Vaterlandes Geſchick, ſind dieſem untergeordnet. Als die Befreiung des Landes endlich vollbracht war, da freut ſie ſich vor Allem darum, weil ihr Mann dabei ſo große Ehre erworben hat.

In Bertha, einer Verwandten Geßler's, deren Güter in den Waldſtätten lagen, zeichnet der Dichter, wie in Attinghauſen, die volksfreundliche Seite des ſchweizeriſchen Adels. Sie, die hohe Dame, fühlt ſich hingezogen zu dieſem Lande der Unſchuld und Freiheit, deſſen idylliſches Glück ſie mit hrem Geliebten theilen möchte. Ihr gütiges Herz empfindet Mitleid mit dem verunglückten Schie⸗ ferdecker und ſo enthüllt auch ſie hier ein reich ausgeſtattetes Gemüth, wie wir es in Hedwig be⸗ wundern. Aber auch mit Gertrud beſitzt ſie Muth und Entſchloſſenheit, die nicht vor der Gefahr zurückweichen. Ihren geliebten Rudenz weiſt ſie hin auf ſeine wahre Stellung:

Was auch draus werde ſteh' zu deinem Volke, Es iſt dein angebor'ner Platz.

Obwohl ſie die Gefahren nicht verkennt, welche dieſe Mahnung nach ſich ziehen mußte, ſo liebt ſie dennoch ihr Volk ſo ſehr, daß ſie dem Rudenz erklärt, er könne nur durch die Befreiung des Landes ihren Beſitz erringen.

............ Kämpfe Für's Vaterland, du kämpfſt für deine Liebe!!

Entſchieden und furchtlos tritt ſie Geßler entgegen, als er Tell zum Schuß nöthigt, wobei ihre Gefühlsſeite wieder beſonders ſich kund gibt. Somit finden wir in ihr eine edle weibliche Natur, in der Geiſt und Herz in gleicher Weiſe entwickelt ſind, voll ſchwärmeriſcher Liebe zu ihrer Heimat, gütig gegen das Volk, mitleidig gegen alle Leidenden, muthig und entſchloſſen in der Ver⸗ theidigung des Rechtes und der Freiheit.

**⁴½ *½

Die Meiſterſchaft des Dichters in der Concipirung dieſer drei Frauencharaktere kann uns nicht entgehen, wenn wir die männlichen Charaktere, denen ſie beigeſellt ſind, daneben ſtellen. Dem noch ſchwankenden Stauffacher mußte eine Gertrud zur Seite ſtehen, den verirrten Rudenz mußte eine Bertha zur Pflicht zurückführen, und dem ſelbſtändigen Charakter Tell's mußte die ihn und ihre Kinder über Alles liebende Gattin zur Ergänzung dienen. Je mehr Grund Tell hat, ſeine Familie wieder zu lieben, um ſo ſchrecklicher mußte von ihm die Forderung empfunden werden, die in der Gefährdung ſeines Kindes geſucht wurde, um ſo mehr tritt die Tödtung Geßler's als Noth⸗ wehr hervor..

Idee.

Wenn wir uns fragen, nach der unſerem Kunſtwerke innewohnenden Idee, ſo werden wir mit der Antwort nicht irre gehen, wenn wir des Dichters eigenen Worten über dieſe Kunſtſchöpfung nachſpüren. In der Widmung, welche derſelbe dem Exemplare ſeines Wilhelm Tell, das er dem Kurfürſten Erzkanzler Karl von Dalberg überſandte, zur Begleitung mitgab, hielt er die Auflöſung der ſtaatlichen und geſellſchaftlichen Ordnung, die damit verbundenen wilden Parteikämpfe und Schreckensſcenen nicht für einen der patriotiſchen Verherrlichung würdigen Gegenſtand.