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Die Frauen: Gertrud, Hedwig, Bertha.
In Gertrud und Hedwig ſchildert uns der Dichter die zwei Hauptgegenſätze der Frauennatur, die auf das Große, Ideale, das Allgemeine zugewandte Seelenrichtung und den in der Sorge der beſchränkten Häuslichkeit aufgehenden Familienſinn. In Gertrud erkennen wir dieſe erſte Seite, den thatkräftigen Großſinn, wie Hoffmeiſter treffend ſagt, und in Hedwig das beſchränkte Hausge⸗ fühl. Gertrud, des edlen Iberg's Tochter, hatte ſchon frühzeitig ihren Geiſt den Dingen zugewendet, die über den gewöhnlichen Kreis einer Frauenſeele hinausgehen. Im Hauſe ihres vielerfahrenen Vaters hatte ſie mit ihren Schweſtern Wolle ſpinnend, den Berathungen der Landeshäupter beige⸗ wohnt, wenn die Freiheitsbriefe beſprochen wurden.
„Aufmerkend hört ich da manch' kluges Wort, Was der Verſtänd'ge denkt, der Gute wünſcht. 4 Und ſtill im Herzen hab' ich mir's bewahrt.“*).
Da entwickelte ſich ihr hochbegabter Geiſt zu einer männlichen Bildung und Kraft, da wurde das Feuer der heiligen Begeiſterung für Vaterland und Freiheit beſtändig in ihr genährt, bis die Stunde kam, wo ſie zeigen konnte, welcher Thatkraft ein ſchwaches Weib fähig ſei. Was ihr Gatte kaum zu denken wagt, das ſpricht ſie beſtimmt aus, in klarer Erkenntniß deſſen, was nothwendig iſt und dem Worte iſt ſie bereit, die That folgen zu laſſen. In dieſer hochherzigen Geſinnung iſt ihr der Tod lieber als Knechtſchaft:
„Die letzte Wahl ſteht auch dem Schwächſten offen, Ein Sprung von dieſer Brücke macht mich frei.“
So zeichnet der Dichter ahnungsvoll in ihr eine jener zahlreichen, heldenhaften, deutſchen Frauennaturen, die bei der Schilderhebung des deutſchen Volkes gegen den deſpotiſchen Frankenkaiſer ſich ſo opfermüthig zeigten und alles Werthvolle auf den Altar des Vaterlandes niederlegten, als bedeutſames Zeichen ihres Opfermuthes.
In Hedwig hingegen ſehen wir die Hausfrau, die Mutter der Kinder, die liebende Gattin, die in treuer Liebe um die Ihrigen ſorgt und wacht und im häuslichen Kreiſe ihre ſchönſte Befrie⸗ digung, ihr höchſtes Glück findet. Darum hat ſie kein Verſtändniß dafür, daß Andere Anderes be⸗ gehren können, ſie begreift nicht, welch' ein Reiz in dem Jägerleben liegt, welches ſich Tell zum Berufe gewählt hat; ſie ſieht davon nichts, als die damit verknüpften Gefahren. Daher iſt ſie in beſtändiger Angſt, ſo oft der Mann das Haus verläßt. Wenn ſie ein richtigeres Urtheil über Geßler an den Tag legt, als Tell ſelbſt hat, ſo kann uns dieſes bei dem Charakter Tell's nicht wundern, zumal da dieſe Beurtheilung Geßler's mit ihrer inſtinktiven Angſt um ihren Gatten und der dunklen Vorempfindung eines Unglücks, das ihn treffen würde, zuſammenhängt. Als ſie ihren Walther nach dem Schuſſe zum erſten Male wiederſieht, da bricht ihre Mutterliebe in erſchütternden Worten hervor, die ſelbſt bis zum Vorwurfe gegen ihren Gatten gehen, um bald in rührender Weiſe ſeiner zu gedenken, und in ihrer geängſtigten Phantaſie ſeine ſchauerliche Kerkerhaft ſich aus⸗ zumalen. Noch mächtiger ſind ihre Gefühle erregt, als endlich ihr ſchmerzlich vermißter Gatte
wieder heimkehrt. „Da ſteht ſie in der Thür' und kann nicht weiter, So zittert ſie vor Schrecken und vor Freude.“
*) Im Dezember 1803, als Schiller mitten in ſeiner Bearbeitung des Tell war, erhielt er den Beſuch der genialen franzöſiſchen Schriftſtellerin Madame de Stasl. Wir wiſſen von ihr, daß auch ſie als Kind im Salon ihres Vaters, des Miniſters und Philoſophen, auf ihrem kleinen Schemel ſitzend, den Geſprächen der heiſtreichſten Männer jener Zeit zuhörte, und ſich mit ihnen unterhielt, und ſo zu jener wunderbaren Unterhaltungsgabe und Beredſamkeit gelangte, welche ihr Genie noch mehr als ihre bedeutſamen Schriften bekundete. Schiller äußerte über ſie in einem Briefe an Humboldt, Frau von Stasl habe ihn in ſeiner Deutſchheit auf's neue beſtärkt. Wir glauben in unſerer Vermuthung nicht zu weit zu gehen, wenn wir dieſe Stelle in Beziehung ſetzen zu dem Charakter Gertrud's. Gertrud und die Stasl, wie ähnlich in ihrer Begabung und Entwicklung, in ihrer glühenden Vaterlandsliebe, in ihrem Opfer⸗ muthe, und wie verſchieden wiederum in dem Grunde ihres Weſens, wie deutſches und franzöſiſches Weſen verſchieden iſt. Die klare, ruhig beweiſende, ſelbſt in der Erregung und Leidenſchaft die ruhige Schönheit ihres Geiſtes ſtets be⸗ wahrende Gertrud, und dagegen die allerdings klare, aber unruhige, turbulente, ſtets in ihrem Ideengange ſpringende Franzöſin.


