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Aus der großen Zahl von Perſonen, die in dieſem Volksſtücke auftreten, und die gewiſſermaßen das ganze Volk darſtellen ſollen, könnten wir noch eine Menge ſcharf geſchiedener Charaktere heraus⸗ nehmen, wenn der Raum es geſtattete. Da iſt der geſchwätzige alte Fiſcher Ruodi, der ſeinem Zorn über die Tyrannei in mächtigen Worten Luft macht, die faſt zu hoch gegriffen ſcheinen für die ein⸗ fache Anſchauungsweiſe eines Fiſchers. Da ſind die beiden Söldner, der grimmige Frießhard und der gutmüthige Leuthold, da iſt der treue wohlwollende Harras, der ſpaßhafte Stüſſi, der leiden⸗ ſchaftliche und verzweifelte Parricida u. ſ. w. Wir wollen uns indeſſen mit der Betrachtung der noch übrigen wichtigen Charaktere Geßler's und der drei Frauen begnügen.
Geßler.
In Geßler, dem harten Vogte, zeichnet uns der Dichter einen Tyrannen, der mit allen Mit⸗ teln der Gewalt ein freies Volk unterwerfen will. Er iſt aber nicht einer jener in ſich böſen Na⸗ turen, die das Böſe aus Prinzip wollen, weil ſie daran Gefallen finden, wie Richard Ill, ſondern ein ſtrenger Gebieter, der rückſichtslos auf ſein Ziel losſteuert. Als Stellvertreter des Kaiſers fordert er unbedingten Gehorſam und widerſtandsloſe Unterwerfung des Volkes. Mit unverwandter Ausdauer und Strenge verfolgt er das eine Ziel, die Lande an das Haus Habsburg zu bringen und verſucht jedes Aufkommen von Selbſtändigkeit und Unabhängigkeit im Volke mit der Wurzel aus⸗ ureißen: durtiß„Ich will nicht, daß der Bauer Häuſer baue
Auf ſeine eig'ne Hand, und alſo frei Hinleb' als ob er Herr wär' in dem Lande, Ich werd' mich unterſteh'n, euch das zu wehren.“
So ſpricht er zu dem begüterten, freiheitsliebenden Stauffacher. Er iſt nicht von Natur ſo rachſüchtig und grauſam wie der Landenberger, welcher dem alten Melchthal für das Vergehen ſeines Sohnes die Augen ausſtechen ließ, allein der Widerſtand, dem er im Volke begegnet, treibt ihn zu immer herberer Strenge, bis zu jener grauſamen Forderung, die er an das verzweifelte Vater⸗ herz Tell's richtet. In jener Scene ſind ſeine ſtrengen, mit berechneter Kälte gegebenen Befehle wie ſcharf geſchliffene Dolche, welche das Herz des um Erbarmung flehenden Opfers durch⸗ bohren, ſo daß wir allerdings hier den Tyrannen, der mit Wolluſt ſich an ſeinem Opfer weidet, nicht verkennen können. Das hat der Dichter auch wohl gefühlt und ihm deßhalb den treuen Har⸗ ras zur Seite geſtellt, um ſo anzudeuten, daß er auch beſſere menſchliche Seiten an ſich hatte, die es moglich machten, daß er die Anhänglichkeit eines tüchtigen Mannes finden konnte. Aber auch dadurch wird die große Strenge in Geßler's Charakter gemildert, daß er nicht ſelbſtſüchtig für ſich, ſondern als treuer Diener ſeines Kaiſers die Unterwerfung des Volkes will, ja wir koͤnnen ihm eine gewiſſe Anerkennung nicht verſagen, wenn er ſeine Pläne einer höheren großartigen Idee unterordnet:
„Weitſchichtige Dinge ſind im Werk und Werden: Das Kaiſerhaus will wachſen; was der Vater Glorreich begonnen, will der Sohn vollenden.“
Die Groͤße und den Ruhm Habsburgs zu mehren, die Stellung, zu welcher der tüchtige und thatkräftige Rudolf den Grund gelegt hatte, zu befeſtigen und zu heben, um vielleicht die Geſchicke der Welt in die Hand des Kaiſers zu legen, das iſt der großartige Plan, der Geßler vorſchwebt, das ſind die„weitſchichtigen Dinge“, die im Werke ſind. Darum muß vor Allem die Hausmacht Oeſterreichs gemehrt werden, und hierzu bietet ſich jetzt die Gelegenheit.
„Dies kleine Volk iſt uns ein Stein im Weg, So, oder ſo, es muß ſich unterwerfen.“
Ob das Volk gewiſſe Rechte hat, darauf kommt es ihm jetzt nicht an, ſeine Unterwerfung ge⸗ hört in den großen politiſchen Plan, darum muß dieſelbe freiwillig oder gezwungen durchgeführt werden. Mußte nicht bei der Zeichnung dieſes Tyrannen dem Dichter lebhaft das Bild jenes ge⸗ waltigen Eroberers vor Augen ſchweben, welcher damals ſeine welterobernden Pläne ins Werk zu ſetzen ſo recht bemüht war, und bald unbekümmert um die Rechte der einzelnen Staaten unſer armes Vaterland Schlag auf Schlag niederwerfen ſollte?
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