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er erkennt eben darin ein ſtaatsgefährliches Treiben. Ihm iſt Tell eine revolutionäre Perſönlichkeit, die ſeinen Geboten, welche den unbedingteſten Gehorſam erheiſchen, eigenmächtig widerſtreben will. Tell will ſich jedoch nicht gegen Geßler's Gebot auflehnen, er will es eben ſorglos nicht beachten und führt gerade dadurch den Conflikt zwiſchen Unabhängigkeit und Herrſchergewalt herbei. Wenn wir in der Schilderung des Schweizervolkes die Tugenden der Menſchenliebe, Gaſtlichkeit und Mild⸗ thätigkeit, der Hülfe in der Noth faſt überall wiederkehren ſehen, ſo treten ſie doch ganz beſonders in Tell zur Anſchauung. Mit Lebensgefahr rettet er den Baumgarten, als ſelbſt der erfahrene Fährmann Ruodi zauderte, er iſt ſtets willig, ſeinen Freunden beizuſtehen, und hält ſelbſt ſeine hülfreiche Hand bereit, um den vernunftloſen Thieren zu helfen.
„Der Tell holt ein verlornes Lamm vom Abgrund, Und ſollte ſeinen Freunden ſich entziehen?“
Tiefes Mitleid erfaßte ihn beim Anblicke Parricida's, ſo ſehr auch deſſen That ihm Abſcheu erregte. Neben dieſen milden Tugenden wohnte in ihm eine aus ſeiner urkräftigen Perſönlichkeit hervorgehendes energiſches Rechtsgefühl, eine Gewiſſenhaftigkeit, eine Geradheit des Weſens, die ſich faſt inſtinktiv äußert. Eine Lüge zu ſagen iſt ſeiner innerſten Natur unmöͤglich und ſollte ſie ſein Leben retten können. Als Geßler ihn fragte, warum er noch einen zweiten Pfeil in ſeinen Koller geſteckt habe, geſteht er frei, was ihn dazu getrieben, ſo verhängnißvoll auch dieſe Worte für ihn werden mußten. Vor Allem iſt er aber auch Repräſentant des Volkes in deſſen tiefer Familienliebe. Als ſeine Gattin ihm vorhält, daß man ihm immer das Schwerſte auftrüge und daß er den Baum⸗ garten unter ſo großen Gefahren über den See geſchafft, da entgegnet er:
„Lieb Weib, ich dacht' an euch, Drum rettet ich den Vater ſeinen Kindern.“
Dieſe Liebe zu Weib und Kind, die uns in der Schilderung der reizenden Familienſcene im Anfang des dritten Aufzuges ſo freundlich entgegentritt, muß die härteſte Probe beſtehen in jener ergreifenden Scene, als Geßler den Apfelſchuß verlangt. Da hat Tell dem, der ſein Vaterherz zerriſſen, den Tod geſchworen, und als es ihm gelungen war, den Händen des grauſamen Vogtes zu entgehen, da iſt es nicht ſowohl die eigene Sicherheit, als die Vertheidigung von Weib und Kind, die ihn zur Tödtung ſeines Peinigers treibt.
Stauffacher.
Er iſt ein reich begüterter Landmann von altem Geſchlechte, das Bild jenes tüchtigen Haus⸗ vaters, den der Dichter in der Glocke ſchildert, der aber ſeinen mit Fleiß und Ordnung erworbenen Reichthum in edler Weiſe und mit feinem Sinn verwendet, die Tugenden der Gaſtfreundſchaft und Wohlthätigkeit in hervorragender Weiſe übend. Er beſitzt eine feinere Bildung wie ſeine Landsleute, einen Sinn, der auf das Schöne und die Kunſt gerichtet iſt, wie dieſes in der Schilderung ſeines neuen, reich wie ein Edelſitz und ſinnig ausgeſtatteten Hauſes beſonders ſich ausſpricht. Da er keine Kinder hat, ſo iſt ſeine ganze Sorge dem Vaterlande gewidmet. Darum iſt er nebſt ſeinem edlen Weibe vor Allem dazu berufen, die Iuitiative zur Befreiung des Landes zu ergreifen. Aber in Folge ſeines tiefen Rechtsgefühles, ſeiner ſtrengen Gewiſſenhaftigkeit, iſt er vorſichtig abwägend, langſam und nicht ohne Schwanken überlegend, ſo daß es der ganzen Begeiſterung ſeiner patrio⸗ tiſchen Gattin bedarf, um ihn zur klaren Erkenntniß ſeiner richtigen Stellung zur Sache des Vaterlandes und zu einem feſten Entſchluß zu bringen. Er iſt ein Mann des Rathes, ein genauer Kenner der Geſchichte, der Rechte und Freiheiten des Landes, ein tüchtiger Redner in der Verſamm⸗ lung und bildet ſomit einen Gegenſatz zu Tell, dem Manne der genialen Thatkraft, der das Rathen vermeidet und inſtinktiv handelt. Daher iſt er vermöge ſeines politiſchen Verſtandes, ſeiner Redner⸗ gabe und ſeines ſtreng auf das Recht ſich ſtützenden Charakters der Stifter und die Seele des neuen Bundes geworden. Johannes Scherr nennt ihn daber den beſonnen abwägenden Rechtsbodenmann, deſſen Worte von den ewigen Rechten und den Mitteln ihrer Behauptung die deutſche Verkündung der Menſchenrechte ſind.


