Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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ſo beſchreibt ihm Tell in prächtiger Schilderung den Weg durch die Schreckensſtraße über die Teufels⸗ brücke, das Urner Loch zum St. Gotthard hin, von wo die Straße ſich am Teſſin nach Italien hinabſenkt. Nachdem er ſeiner Gattin aufgetragen, den Wanderer reichlich mit Gaben für die weite Reiſe zu verſorgen, wird er von den in feierlichem Zuge zu ſeinem Wohnſitz gekommenen Eidge⸗ noſſen mit lautem Zuruf begrüßt, und Bertha, in den Bund derſelben aufgenommen, reicht als freie Schweizerin ihre Hand Rudenz, dem freien Manne, der zur Feier des Tages und zur Krönung des Befreiungswerkes die Abſchaffung der Leibeigenſchaft auf ſeinem Erbe verkündet.

Zie Charaktere.

Tell.

In Tell erſcheint die Freiheitsliebe, der Unabhängigkeitsſinn des ſchweizeriſchen Volkes am ſtärkſten ausgeprägt. Ihn hat die Natur nicht zum Hirten gebildet; daher iſt er ein Alpenjäger geworden, ein Schütze, der frei über Berg und Klüfte herrſcht, der in dem Hauſe der Freiheit wohnt, das Gott gegründet. In dem Kühnen, Verwegenen, ja Gefahrvollen dieſes Berufes liegt deſſen ſchönſter Reiz und ſo iſt dem Schützen das Leben darum erſt werthvoll, weil er es mit jedem Tage auf's neue ſich erwirbt. Die beſtändige Gefahr aber erweckt in ihm ein tiefes Gottvertrauen, da er ſich bei jedem Schritte in Gottes Hand weiß, das ſtete Leben in friſcher Bergesluft, die fortgeſetzte Uebung des Steigens, Kletterns und Springens ſteigert ſeinen Muth, ſtählt ſeine Glieder und gibt ihm das Bewußtſein ſeiner Körperkraft, ſeines ſicheren Auges, ſeines entſchloſſenen Willens und ſeiner ganz auf ſich ſelbſt geſtellten Perſönlichkeit, die ſich durch eigene Kraft aus aller Fährlichkeit mit Sicherheit hindurch rettet. Mögen die Höhen donnern und die Stege zittern, wenn die gewal⸗ tigen Schneemaſſen, die Lawinen, hinabſtürzen, er ſchreitet verwegen auf Feldern von Eis, er wagt den Sprung von Fels zu Fels, klimmt an den glatten Wänden hinan,wo er ſich anleimt mit dem eignen Blut; ja, ſo ſelbſtbewußt und ſicher, zu Schutz und Trutz ſtets gerüſtet, iſt das Leben des Alpenjägers und ſo müſſen wir uns die Perſönlichkeit Tell's als des vollkommenſten Typus dieſer Art Menſchen vorſtellen. So iſt er auch bekannt und geachtet unter ſeinen Landsleuten, weßhalb Ruodi von ihm ſagt:Es gibt nicht zwei, wie der iſt im Gebirge, und daß er als Schütze einzig daſteht, beweiſt ja der Apfelſchuß, ein Meiſterſchuß, wie Geßler ſelber zugeſtehen mußte, über den Nudolf der Harras ſtaunend ruft:

Erzählen wird man von dem Schützen Tell, So lang die Berge ſteh'n auf ihrem Grunde.

Aber auch ein Meiſter⸗Steuermann war er. Das zeigt die Rettung Baumgartens, die Füh⸗ rung des Herrenſchiffes im fürchterlichſten Sturm, als nur von ihm allein Rettung gehofft wurde.

Mit dieſem in ſich berechtigten Selbſtgefühl der in ihm wohnenden, ſich ſtets ſelbſt helfenden genialen Thatkraft, verbindet ſich eine große Sorgloſigkeit, ein Mangel an Ueberlegung über Dinge, die über das Nächſte, Augenblickliche hinaus liegen, eine Scheu vor dem Berathen und Ueberlegen, die ihn von der allgemeinen Verbindung und Berathung der Sache des Vaterlandes fern hielt, ſo ſehr auch Stauffacher ihn für dieſelbe zu überreden ſuchte. Mit den Worten:Ich kann nicht lange prüfen oder überlegen, ſucht er die Sorgen für das Künftige abzulehnen, er räth daher zum geduldigen Ausharren, indem er denkt, daß die geſtrengen Herren nicht mehr lange regieren werden. Er iſt kein Mann des Rathes und der Rede, ſondern der Thatkraft, und da er ſeine eigenen Wege liebt, erſcheint er Manchen als ein Träumer, ein Sonderling. Er ſelbſt iſt ſich dieſes Mangels an Ueberlegung wohl bewußt, nicht ſo ſehr als eines Fehlers, wie als eines Aus⸗ drucks ſeiner innerſten Natur. Daher ſagt er zu Geßler:

Wär' ich beſonnen, hieß ich nicht der Tell.

Dem Geßler aber, der ihn beobachtet hat, und der nur Gehorſam will, entgeht nicht jener

freie ungebundene Sinn der Unabhängigkeit, der in dieſem eigenen, träumeriſchen Weſen liegt, und