Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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Fürbitte ein, den unmenſchlichen Vogt rühren nicht des zarten Weibes Bitten, noch die Verzweiflung des greiſen Walther Fürſt, der ſich ihm zu Füßen wirft, noch die Herzhaftigkeit des unſchuldigen Kindes; er gebietet kalt:An's Werk. Und der von Seelenangſt gefolterte Tell, der ſtarke Mann, er zittert und läßt die Armbruſt ſinken, es ſchwimmt ihm vor den Augen; er will lieber den Tod erdulden und die Bruſt entblößend, bittet er um denſelben. Keinen Ausweg und kein Erbarmen findend, rafft er ſeine letzte Kraft zuſammen zum entſcheidungsvollen Schuſſe, nimmt aber zuvor noch einen Pfeil aus ſeinem Köcher und ſteckt ihn in ſein Koller, damit er den Landvogt tödte, falls er ſein Ziel verfehlen ſollte. Dem ſpähenden Auge des Vogtes iſt dieſes nicht entgangen. Im letzten Augenblicke tritt Rudenz vor, der aus einem thörichten unerfahrenen Jünglinge ein Mann geworden, und in heftiger Entrüſtung ſpricht er frei gegen das ungerechte Verfahren des Landvogtes. Doch dieſer wird durch die zürnende Zurechtweiſung des Rudenz nur noch mehr er⸗ bittert und ſo entſpinnt ſich ein heftiger Wortwechſel zwiſchen beiden, der bis zu gegenſeitigen Drohungen führt. Dieſe Zwiſchenzeit benutzt der Dichter, um Tell den Schuß ausführen zu laſſen, und während Alle dem erregten Rudenz ihre Aufmerkſamkeit zuwenden, der in ritterlichem Muthe das Schwert ziehen will, um die durch den Wink Geßler's herbeigerufenen Reiſigen zurück⸗ zuweiſen, hat Tell den Meiſterſchuß vollbracht, und wie ein Zauberwort dringt Stauffacher's Ruf durch die Menge:Der Apfel iſt gefallen. Der Großvater Walther Fürſt droht hinzuſinken in heftiger Erſchütterung, und Tell, den geretteten Knaben in innigſter Vaterliebe an die Bruſt preſſend, ſinkt nach der übermenſchlichen Anſtrengung, dem jähen Wechſel von Leid und Freude kraftlos zu⸗ ſammen. Alles jauchzet und bewundert den Meiſterſchuß, und man will den braven Schützen, der noch ganz erſchöpft iſt, mit ſeinem geretteten Sohn nach Hauſe zur Gattin führen. Aber nur einer bleibt kalt Geßler. Er ruft den Schützen zurück und fragt ihn, warum er den zweiten Pfeil zu ſich geſteckt habe; und als dieſer ausweichend antwortet, ſichert er ihm ſein Leben zu, wenn er es frei und fröhlich bekenne. Die Zuſicherung des Lebens hält der argloſe Tell für völlige Strafloſigkeit, daher bekennt er unvorſichtiger Weiſe den Entſchluß, den er in jenen qualvollen Augenblicken gefaßt, den Landvogt zu tödten, wenn er den Apfel verfehlen ſollte. Der argliſtige Vogt, der ihm nur das Leben geſichert, läßt ihn nun von ſeinen Soldaten ergreifen und binden; er will ihn mit ſich zu Schiff nach Küßnacht führen, um ihn dort im tiefſten Kerkerverließe gefangen zu halten; er verhöhnt die Hinweiſung Stauffacher's auf Gottes Schutz, der ſich hier ſo ſichtbar dem Schützen gezeigt habe; er bedroht das ganze Volk, dem er Schweigen und Gehorchen befiehlt und zieht mit ſeinem Ge⸗ fangenen von dannen, die Männer des Rütli und alle übrigen in tiefſter Verzweiflung zurücklaſſend, denn noch hatte die Stunde des Handelns nicht geſchlagen.

4. Aufzug.

Wieder befinden wir uns am Geſtade des See's, obwohl am entgegengeſetzten Ufer, und wieder begegnet uns, wie beim Beginne des Stückes, die bekannte Geſtalt des Fiſchers Ruodi und ſeines Knaben.*) Es erzählt ihnen ein Mann aus Gerſau, daß Geßler den Tell gefangen fortgeführt habe, und der edle Herr v. Attinghauſen im Sterben liege. Dieſe Mittheilung veranlaßt den Fiſcher in den heftigſten Worten ſeiner Klage über des Vaterlandes Noth Ausdruck zu geben. Der auf dem See raſende Sturm dient gleichfalls als Folie ſeiner innerſten Seelenſtimmung. Gleichwie König Lear, nachdem er ſeine undankbare Tochter in die wilde Nacht hinausgeſtoßen, den tobenden Sturm auffordert, alles Lebende zu vernichten, ſo ruft auch der verzweifelte Fiſcher, den Sturm und Blitz als Helfer an, um das ganze Land wieder in eine Wildniß umzuwandeln, da die beſten Männer des Landes nun hin ſeien, und ohne Freiheit das Leben keinen Werth mehr habe. Plötz⸗ lich erblicken ſie ein Schiff, das mit den tobenden Fluten ringt und erkennen es als das Herrenſchiff von Uri, welches Geßler und ſein Opfer Tell trägt; ſie verfolgen mit lebhafter Neugierde und unter verſchiedenen Empfindungen alle Bewegungen des Fahrzeuges, deſſen Untergang ihnen unabwendbar ſcheint. Da tritt zu ihrem höchſten Staunen der ſo eben gerettete Tell unter ſie und mit jener

.*) Ob der Fiſcher hierhergezogen iſt, nachdem ihm ſeine Hütte niedergebrannt war, darüber gibt der Dichter keine Andeutung..