Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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ſelbſtändig gewahrt hätten; er weiſt ſie hin auf ihre freie Zugehörigkeit zum deutſchen Reiche, auf des Kaiſers Recht als Schirmherrn ihres Landes, nicht aber als Beherrſchers eines ihm eigenen Gebietes, was Röſſelmann durch Hinweiſung auf den Freibrief Friedrich II. beſtätigt. Was anders wollen dieſe Männer, die wir ſo ruhig, ohne Leidenſchaft und Rachegefühl hier verſammelt finden, als das unantaſtbare Recht ihres Beſitzes und ihrer Freiheit wahren, ohne ſich ihrer freien Zuge⸗ hörigkeit zum deutſchen Reiche zu begeben. Alle Mittel haben ſie erſchöpft, ſie haben vergebens Boten zum Kaiſer geſchickt, neue Beſtätigung ihrer ererbten Freiheiten zu erbitten. Jetzt bleibt nur das letzte Mittel noch übrig, zum Schwert zu greifen, um die höchſten Güter gegen die Gewalt zu vertheidigen, und nicht freiwillig zu Sclaven zu werden. In dieſem Gedanken gerechter Nothwehr beſchließen ſie, die Vögte zu verjagen, und ſchon finden ſie die Mittel, die Burgen Sarnen und Roßberg zu bezwingen. Es ſoll, wo möglich, ohne Blutvergießen geſchehen, und die von Meier und Melchthal angegebenen Pläne finden die Billigung der Mehrheit. Wenn dies geſchehen, ſollen die Feuerzeichen auf den Bergen den Landſturm aufbieten, um mit gewaffneter Hand das Errungene feſtzuhalten. Nur der von Reiſigen furchtbar umgebene Geßler bietet noch ſchweren Stand, und ſie wiſſen in dieſem Augenblick nicht, wie ſie dieſen Gefürchteten unſchädlich machen ſollen. Die Zeit muß Rath bringen.*)

So tagten nun entſchloſſen, wie die heilige Sache des Vaterlandes es gebot, in ſtiller Größe alt⸗einfacher Sitte, die Männer vom Rütli. So erweiterte ſich der Gedanke der drei Männer zum Bund der Landſchaften, und ſo lange noch ein deutſches Herz ſchlägt, wird es von heiligem Schauer ergriffen werden bei den Worten, welche jene, die Hand zum Eidſchwure erhebend, ausſprechen:

Wir wollen ſein ein einig Volk von Brüdern, In keiner Noth uns trennen und Gefahr.

Die aufgehende Sonne, ihr goldnes Licht über die Eisgebirge ergießend, krönt dieſe herrliche Scene mit ihren ſchönſten Strahlen, während durch die mit prachtvollem Schwunge einfallende Muſik der Eindruck derſelben ausgeſprochen und nachhaltig gehoben wird.

3. Aufzug.

Die Befreiung der Schweiz ſoll nicht blos von der in Rütli tagenden Verſammlung bewirkt werden, einen ganz beſonderen Antheil an derſelben ſoll der Schütze Tell haben, deſſen Verhalten gegen die Beſtrebungen der Beſſeren ſeines Volkes bis jetzt noch immer ein kühles geweſen war. Wir finden ihn wieder beim Beginne des dritten Aufzuges, inmitten ſeiner Familie. Es iſt ein reizendes Bild, welches der Dichter der Glocke, der uns das Walten der züchtigen Hausfrau, der Mutter der Kinder, ſo herrlich beſungen hat, in dem kleinen Rahmen dieſer Scene entwirft, wo Alles in der reizendſten Natürlichkeit, traute Häuslichkeit, ſorgende Liebe und inniges Glück athmet. Die luſtig ſpielenden Kinder, die liebende Beſorgtheit der Gattin, der freie, ungebundene Sinn des Alpenjägers, der keine Gefahr fürchtet, vertrauend auf Gott, ſeine geſunden Sinne und ſeine gelenke Kraft, Alles dies tritt hier in bezeichnender Weiſe zu Tage, und wir grollen dem Schützen nicht, wenn er, trotz der bangen Ahnung der Gattin, ſeinen Weg geht. Es liegt eine Kraft in dieſer naturwüchſigen, auf ſich ſelbſt geſtellten Perſönlichkeit, die uns ſelbſt faſt ſorglos um ihn macht. Was ſoll der Geßler ihm Böſes wollen, meint er, ihn wird er ſchon in Frieden laſſen. Hat er doch einmal gezittert vor ihm, als ſie Beide zufällig zuſammentrafen in den wilden Gründen des Schächenthals auf einſamem Felsſteig, wo nicht auszuweichen war. Es fühlt ſein argloſer Sinn nicht, daß der Tyrann ihm nie vergeben wird, daß er ihn ſchwach geſehen, wie ſeine verſtändige

*) Störend iſt die von Stauffacher angeregte Erwähnung Geßler's, welche der Dichter einfügte, um Tell's ſpätere That ſchon hier in ihrer Bedeutung für die Befreiung der Waldſtätte hervortreten zu laſſen; denn eben in der Art, wie es geſchieht, verräth ſich eine unglaubliche Sorgloſigkeit des Rütlibundes, die, wenn jene beſondere Er⸗ wähnung Geßler's wegfiele, ſich nicht bemerklich machte. Iſt Geßler nämlich wirklich ſo gefährlich, ſo muß man gerade ſeinetwegen beſondere Vorſorge treffen; das fordert die Sicherheit des Bundes. Er hat, wie wir wiſſen, in Altorf eine Herrenburg; in der Nähe wird Zwing⸗Uri gebaut, das unterdeſſen vielleicht vollendet ſein kann; ſonſt wohnt er außerhalb der Waldſtätte in Küßnacht. Weßhalb wird nun kein Plan gemacht, ihn in ſeiner Herrenburg zu überfallen, oder ihm den Eingang in Schwyz zu verlegen, wenn er ſich nicht in Küßnacht befinden ſollte?