Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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Leb wohl, und weil ich fern bin, führe du

Mit klugem Sinn das Regiment des Hauſes.

Dem Pilger, der zum Gotteshauſe wallt,

Dem frommen Moͤnch, der für ſein Kloſter ſammelt, Gib reichlich und entlaß ihn wohlgepflegt. Stauffachers Haus verbirgt ſich nicht, zu äußerſt Am offnen Heerweg ſtehts, ein wirthlich Dach

Für alle Wandrer, die des Weges fahren.

Daran knüpft ſich geſchickt das Auftreten Tell's mit dem geretteten Baumgarten, den er zur ſichern Bergung in Stauffacher's wirthliches Haus führt. Tell und Stauffacher finden wir bald auf dem Wege nach Altorf; jener geht nach Hauſe zurück, dieſer ſucht Walther Fürſt auf, wie er oben angekündigt. Auf einem öffentlichen Platze finden ſie ein reges Leben. Eine Zwingburg er⸗ hebt ſich vor ihren Augen, ſchon iſt ſie nahe ihrer Vollendung. Der Frohnvogt treibt die unwil⸗ ligen Arbeiter mit Härte an, Stauffacher's Herz wird auf's tiefſte erſchüttert, als er in Uri, der Freiheit Land, dieſen Kerker derſelben ſchauen muß. Daher bricht er in die wehmüthigen Worte aus:O hätt' ich nie gelebt, um dies zu ſchauen! Doch Tell verhält ſich ruhiger. Da er nach der Intention des Dichters an dem allgemeinen Bunde nicht Theil nehmen ſoll, ſo zieht er ſich zu⸗ rück vor der allgemeinen Noth, gewiſſermaßen als fürchte er ſich vor ſeinem eigenen Innern, das ihn, wie bei Baumgarten im einzelnen Falle zur entſchloſſenen That treibt, und räth zum geduldigen Ausharren. Das Zwiegeſpräch beider, in welchem Stauffacher vergebens Tell für die allgemeine Sache zu gewinnen ſucht, wird unterbrochen durch die dramatiſch ſehr belebte Verkündigung des Geßler'ſchen Befehles, dem hier auf öffentlichem Platze nun aufzupflanzenden Hute Oeſterreichs unter Androhung der Todesſtrafe Reverenz zu beweiſen, jenen grauſamen, jede Selbſtachtung des Volkes verhöhnenden Befehl, der von den Arbeitern der Zwingburg ſelbſt mit Entrüſtung aufgenommen wird. Dieſe Entrüſtung über die unerträgliche Tyrannei, die nun auch bis in die tiefſten Schichten des Volkes gedrungen iſt, ſpricht ſich beſonders aus, als Bertha, die Verwandte Geßler's, mildthätig helfen will, nachdem der Schieferdecker vom Dach geſtürzt iſt:

Mit eurem Gelde! Geht! ruft der Meiſter, Wir waren frohe Menſchen, eh' ihr kamt, Mit Euch iſt die Verzweiflung eingezogen.*)

Wir treten jetzt in Walther Fürſt's Wohnung, des Schwiegervaters unſeres Tell und des Gaſtfreundes Stauffacher's, mit welchem Rath zu pflegen er ſich auf den Weg begeben hat. Wir finden dort einen jungen Mann, Arnold von Melchthal aus Unterwalden, der den Knecht des Vogtes in jugendlichem Cifer geſchlagen hatte, als dieſer ihm eines geringen Vergehens wegen ſein ſchoͤnes Ochſenpaar vom Pfluge ſpannen wollte und obendrein ihn noch mit ſchnöden Worten verhöhnte. Nun war er, die Rache des Vogtes fürchtend, flüchtig geworden und hatte in Uri bei Walther Fürſt Schutz gefunden, wie Baumgarten in Schwyz bei Stauffacher. Walther Fürſt, der bedächtige Greis, muß die That als eine raſche tadeln, doch muß er ſich ſelber trotz ſeines Alters geſtehen, daß er das eigene Herz nicht länger bezwingen kann. Da klopft es au das Thor und Walther Fürſt, der fürchtet, daß ein Bote des Landvogtes draußen ſei, um nach Melchthal zu ſuchen, fordert dieſen auf, ſich im anſtoßenden Gemache zu verbergen. Doch es iſt Stauffacher, der hereintritt, und, nachdem ſie ſich in herzlicher Weiſe begrüßt, bringt dieſer gleich die Rede auf den Zwinghof, den er hat bauen ſehen, und daran anknüpfend ſchüttet er ſeine bekümmerte Seele in den Buſen des gleichge⸗

*) Schiller's Wilhelm Tell, erläutert von H. Düntzer. Seite 75 und 76. Schiller wollte urſprünglich dieſes zur Erniedrigung des Volkes erſonnene Gebot erſt im Anfange des folgenden Aufzugs bringen, wo es beſſer an der Stelle geweſen wäre; vielleicht war es blos die Verſetzung einer urſprünglich für den erſten Aufzug beſtimmten Scene an den Anfang des zweiten Aufzugs, welche den Dichter beſtimmte, dieſesGebot ſchon hier verkündigen zu laſſen, obgleich es auch nach der jetzigen erſten Scene jenes Aufzuges ſehr wohl hätte ſtehen können, oder ſchob er dieſe Verkündigung des zur Erniedrigung des Volkes erſonnenen Befehls hier nur deßhalb ein, um das Geſpräch zwiſchen Stauffacher und Tell dadurch zu unterbrechen, ſo daß ein Theil deſſelben als mittlerweile erfolgt, den Zu⸗ chauern entzogen und der Dichter von einer ſchwierigen Ausführung befreit ward! Am Schluß der Scene läßt er Bertha von Bruneck, eine Verwandte von Geßler, deßtretan wobei ihn der Grundſatz leitete, alle im Stücke erſchei⸗ nenden Perſonen möglichſt gleich am Anfange dem Zuſchauer vorzuführen.