Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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auf die Zuſammengehörigkeit des ganzen Volkes hingewieſen hat, führt er uns über den See nach Steinen in der Landſchaft Schwyz, zu dem Hauſe Stauffachers, eines begüterten Landmannes von altem Geſchlechte. Wie glücklich muß es ſich leben in dieſem wohnlich hellen Hauſe mit den vielen blinkenden Fenſtern, beſchattet von der weitäſtigen Linde. Reich wie ein Edelſitz ſteht es da, ganz nen gezimmert von ſchönem Stammholz, bemalt mit bunten Wappenſchildern und weiſen Sprüchen, ſo daß der Wandersmann ſie vorbeigehend lieſt und ihren Sinn bewundert. Dazu ſind die Scheu⸗ nen gefüllt, und in den bequemen Ställen ſind die Schaaren der Rinder und Pferde glücklich zur Winterung heimgebracht von den Bergen. Aber der Beſitzer dieſer reichen Habe iſt nicht glücklich. Schwerer Kummer drückt ihn nieder, ihm geht des Landes Noth tief in die Seele. Hat er doch ſo eben noch ſein bedrücktes Herz ſeinem Gaſtfreunde aus Luzern geöffnet und ihm geklagt über der Vögte Geiz und Uebermuth; hat er doch von jenem, deſſen Heimathsſtadt nun ſchon 10 Jahre lang zu Oeſterreich gehört, erfahren, wie wenig glücklich ſich dieſer unter der neuen Herrſchaft fühle und wie ſehr er ſich nach der alten Freiheit zurückſehne. Darum iſt Stauffacher's hohe, freie Seele betrübt. So findet ihn ſein treues Weib, des edlen Ibergs Tochter, des vielerfahrenen Mannes. Sie fordert die Hälfte ſeines Grams und ſie iſt wohl werth eines ſolchen Vertrauens; denn ſie iſt klug und verſtändig und hat als Kind beim Vater ſchon gelernt, manch kluges Wort in ihr Herz aufzunehmen und dort treu zu bewahren. Und als nun Werner ihr bekümmert erzählt, wie neulich Geßler, der Vogt von Küßnacht, hier vorbeigeritten ſei und des Hauſes Wohlſtand bewundernd Halt gemacht, dann aber trotz ſeines ehrerbietigen Entgegenkommens ihn übermüthig mit den Worten verhöhnt habe:

Ich bin Regent im Land an Kaiſers Statt

Und will nicht, daß der Bauer Häuſer baue

Auf ſeine eigne Hand, und alſo frei

Hinleb', als ob er Herr wär' in dem Lande, da erkennt ſie ſogleich den wahren Grund von Geßler's Haß:

Denn du biſt ihm ein Hinderniß, daß ſich

Der Schwyzer nicht dem neuen Fürſtenhaus

Will unterwerfen und führt ihm ſein Recht vor Augen:

Vom Kaiſer ſelbſt und Reich Trägſt du dies Haus zu Leh'n; du darfſt es zeigen So gut der Reichsfürſt ſeine Länder zeigt.

Ja ſie fordert ihn beherzt auf, dem drohenden Uebel vorzubeugen, da man in allen drei Landen des harten Joches müde ſei, ſie fordert ihn auf mit redlichen Freunden zu berathen, wie man des Druckes ſich entledigen könne. Wohl zaudert noch der beſonnene Werner bei dem furcht⸗ baren Gedanken an einen Krieg, der nur zu ihrem Verderben ausſchlagen könne:

Wir wagten es, ein ſchwaches Volk der Hirten, In Kampf zu gehen mit dem Herrn der Welt?

Allein ſie weiß, daß auch der Schweizer ſeine Streitaxt zu führen verſteht, und daß er auf Gottes Hülfe bauen kann. Ihres Mannes letzte Bedenken über die Schreckniſſe des Krieges weiß ſie mit immer ſteigender Wärme ſchlagend zu widerlegen, ſo daß ſie in der Begeiſterung der edelſten Vaterlandsliebe immer höher ſich erhebt, bis zu dem Heldenmuthe einer Portia, die den Tod nicht ſcheut, um ihre Ehre zu retten.

Die letzte Wahl ſteht auch dem Schwächſten offen, Ein Sprung von dieſer Brücke macht mich frei.

Ein Land, welches ſolche Frauen beſitzt, kann unmöglich in Knechtſchaft verſinken, das fühlt lebendig der von ihrem hohen Muthe begeiſterte Werner, der ſie entzückt in ſeine Arme ſchließt, und nun freudig bereit iſt, für die Freiheit des Vaterlandes Alles zu wagen. Er hat Freunde in Uri, Herrn Walther Fürſt und den Bannerherrn von Attinghaus, mit ihnen will er Raths pflegen, wie man der Landesfeinde muthig ſich erwehre, und ſogleich will er ſich auf den Weg machen. Doch bevor er mit ſeiner Gattin ins Haus tritt, wird ſeine Perſönlichkeit noch in ein glänzendes Licht geſtellt in der Mildthätigkeit, die er ſeiner Gattin gegen alle Bedrängten empfiehlt.