Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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I

I. Die Erpoſition und Entwicklung der Handlung durch die einzelnen Acte.

1. Aufzug.

Da liegt ſie vor uns, die herrlichſte, lieblichſt Lahdſchaft, welche die Sehnſucht nach idylliſchem Glücke ſich träumen mag. Es lächelt der See im hellen Sonnenſcheine, zum erquickenden Bade ladend, es wiegt ſich ſingend im Kahne der Fiſcherknabe, lauſchend dem Murmeln der Wellen in ſeliger Luſt! Und jenſeits des See's ſchweift der Blick über die grünen Matten, die blühenden Dörfer und lieblichen Höhen von Schwyz, der Urheimat der Schweizer. Links ragen mächtig in die Luft empor, gleichzwei ungeheuren Naturpyramiden, die Hacken, an denen Wolken unaufhör⸗ lich emporſteigen, und den fernen Hintergrund krönen rechts die ſchimmernden Eisgebirge von Glarus und vollenden ſo das Bild dieſer reizenden und zugleich mächtig ergreifenden Landſchaft, in der ein harmloſes Naturvolk ein glückliches Daſein führt. Und wie ſchön iſt dieſes Daſein! Es tritt uns entgegen im lieblichen Volksgeſang, dem natürlichſten Ausdruck der Volksempfindung, in ihm ſpiegelt ſich ab in entzückender Weiſe das Fiſcher⸗, Hirten⸗ und Jägerleben, dieſe drei natürlichſten Beſchäf⸗ tigungen, welche die Heimat ſelbſt darbietet. Da ändert ſich plötzlich die landſchaftliche Scene: Ein Gewitter zieht heran ſchon kracht es dumpf auf den Bergen. Aber das ſchreckt nicht Diejenigen, welche mit der Natur ſo innig vertraut ſind. Mit ihren im beſtändigen Verkehre mit derſelben geſchärften Sinnen erkennen ſie, jeder in ſeiner Weiſe, die Vorzeichen des nahen Sturmes und treffen die nöthigen Vorkehrungen. Aber ſchrecklicher als die entfeſſelte Naturkraft iſtder Menſch in ſeinem Wahn. Nur zu bald ſollen ſie erfahren, daß jenes Glück, welches in den reizendſten Formen holder Unſchuld und ſüßen Friedens ſie ſo eben ſo entzückend angelächelt hat, von der Frevelhand menſchlicher Tyrannei zerpflückt, zerſtampft und vernichtet werden kann. Athemlos ſtürzt herbei Konrad Baumgarten:

'S iſt ein Alzeller Mann, er hat ſein Ehr' Vertheidigt und den Wolfenſchieß erſchlagen, Des Königs Burgvogt, der auf Roßberg ſaß.

Der Mann war im Walde beſchäftigt, Holz zu fällen, da kommt in Todesangſt ſein Weib gelaufen, ihn, ihren natürlichſten Beſchützer, um Hülfe anflehend gegen die Ungebührlichkeiten des Vogtes, denen ſie nur durch Liſt ſich hat entziehen können. Was ſoll der Mann da thun, wenn übermüthiger Frevel ſich nicht ſcheut, Hand an die von Gott und Natur geheiligten Bande zu legen, um ſie hohnlachend zu zerreißen? Er nimmt ſeine gute Axt und wahrt ſein heiligſtes Recht, wie es ihm nach römiſchem und altgermaniſchem Rechte auch zuſtand. Aber des Landvogts Reiter ver⸗ folgen ihn, ſchon ſind ſie ihm dicht auf den Ferſen, er muß über den See hinüber, dort winkt ihm das rettende Ufer. Die entſetzten Landleute wollten wohl gerne helfen und den Biedermann retten, aber der Sturm iſt los und ſelbſt der erfahrene Fährmann Ruodi bebt zurück beim Anblicke der entfeſſelten Elemente. Doch die Rettung naht in Tell, einem wackeren Waidmann aus Bürglen in Uri, und einem Meiſter in der Kunſt des Steuermannes.

Es gibt nicht zwei wie der iſt im Gebirge.

Gleich dem Bauer in Bürger'sLied vom braven Manne kommt er zufällig des Weges, ſieht die Noth und unternimmt muthig und entſchloſſen, nach wenigen Worten, in rechtem Gottver⸗ trauen die kühne Fahrt und vollbringt die Rettung. Kaum iſt dieſe geſchehen, da nahen die Reiter, die, da ſie des Flüchtlings nicht habhaft werden können, nun ihre Wuth an der Heerde auslaſſen und die Hütten der Unſchuldigen niederbrennen.

So ſchließt dieſe mit hoher dramatiſcher Meiſterſchaft angelegte, durch einen lebendigen Dialog und ſteigende Handlung immer mehr und mehr bewegte Scene höchſt wirkſam mit einer neuen Ge⸗ waltthat, die dem bedrängten Volke in Uri durch die Perſon des Ruodi die flehendliche Bitte auspreßt:

Gerechtigkeit des Himmels, Wann wird der Retter kommen dieſem Lande?

Nachdem der Dichter die gewaltthätige Tyrannei des Burgvogtes und ſeiner Söldner in den beiden Landſchaften Unterwalden und Uri gegenüber einem harmloſen, in glücklicher Unſchuld dahin⸗ lebenden Volke recht wirkſam geſchildert und auch ſchon in der helfenden That ſtamm⸗verwandter Liebe