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ſchied der Charaktere den Schülern raſcher in die Augen ſpringt. Man beachte genau die Gliederung der einzelnen Partieen, die Entwicklung der Handlung und laſſe das Fortrücken derſelben jedesmal genau feſtſtellen. Die gewonnenen Reſultate laſſe man niederſchreiben und zu dieſem Zwecke ein Scenarium anlegen. Dasſelbe erſtreckt ſich natürlich auch auf die der häuslichen Lectüre anheim⸗ fallenden Acte; es muß jedoch eine kurze Beſprechung derſelben in der Klaſſe vorangegangen ſein. Nun werden die handelnden Perſonen beſonders berückſichtigt. Ihre urſprüngliche Stellung und äußeren Lebensumſtände, ihr Empfinden, Denken und Wollen, ihre Abſichten und Pläne, ihre Leiden⸗ ſchaften, die inneren Conflicte, wie ſie in der Wechſelwirkung zur Handlung entſtehen und ſich löſen, alles das wird zunächſt bei den Hauptperſonen, die einzelnen Scenen hindurch, in welcher ſie auf⸗ treten, genau verfolgt, um ſo aus dem Material der Handlungen auf heuriſtiſchem Wege die Charaktere herauszuſchälen, bis ſie als plaſtiſche Geſtalten in ihrer ganzen Eigenart vor dem geiſtigen Auge der Schüler daſtehen. B
Zur Löſung dieſer Aufgabe trägt auch weſentlich bei, wenn man zwiſchen den einzelnen Cha⸗ rakteren Parallelen ziehen läßt, ihr Verwandtes, Gleichartiges und ihr Verſchiedenes, Entgegenge⸗ ſetztes auffucht. Nachdem dieſe nun in ihrer Sonderheit erkannt und klar gefaßt ſind, kann man das Drama gleichſam von Neuem wieder aufbauen, worauf ſchließlich die Idee des Stückes, die nun immer klarer und bewußter dem ſittlichen Gefühle des Schülers ſich kund gethan, in möglichſt beſtimmter Weiſe ausgeſprochen wird. Denn, wenn auch jedes Kunſtwerk ſich ſelbſt Zweck iſt und der Dichter es nicht der Lehre wegen geſchaffen hat, ſo trägt es doch eben als Schöpfung eines gottbegnadeten Künſtlers einen ſittlichen Grundgedanken in ſich, der als lebendiger göttlicher Odem dieſen Leib künſtleriſcher Schöpfung belebt und das der ſittlichen Weltordnung zu Grunde liegende Göttliche zum Ausdrucke bringt.
Einen beſondern Punkt der Betrachtung bietet auch die Fabel ſelbſt. Es kann gezeigt werden, was der Dichter von dem ihm gebotenen Stoffe benutzt hat, die weiſe Oekonomie, mit der er den⸗ ſelben vertheilt und geordnet, und aus welchen Motiven; ferner, was er ſelbſt hinzugedichtet, wobei die Kunſt des Dichters in der Expoſition und Förderung der Handlung um ſo beſſer begriffen und gewürdigt werden kann. Auch das Verhältniß der Fabel zur wirklichen Geſchichte iſt hier zu erörtern.
Das Drama, welches ich von dieſen Geſichtspunkten aus vergangenen Winter in der Secunda geleſen habe, iſt Wilhelm Tell, Schiller's letzte unſterbliche Schöpfung auf dieſem Gebiete.
Indem ich mir hier geſtatte, dasſelbe noch einmal in angegebener Weiſe zu würdigen, glaube ich den Herren Collegen kaum etwas Neues bieten, meinen Schülern aber einen ihnen theuer gewordenen Gegenſtand im Zuſammenhange zur Erinnerung und Beherzigung übergeben zu können.
T. Kurze Inhalts-Angabe.
Ein ſtammverwandtes, freies, hochherziges Naturvolk, das unter dem Schutze des Deutſchen Reiches die Landſchaften Schwyz, Uri und Unterwalden an den Ufern des Vierwaldſtätter Sees bewohnt, wird durch den tyranniſchen Uebermuth der vom Kaiſer eingeſetzten Vögte, welche durch Verletzung der heiligſten Menſchenrechte daſſelbe der unmittelbaren Herrſchaft Oeſterreichs unterwerfen wollen, zur Selbſthülfe gedrängt, nachdem alle Verſuche beim Kaiſer ſelbſt, Abhülfe und Beſtätigung der verbrieften Rechte zu erlangen, geſcheitert ſind. Der unerhörte Druck treibt zuerſt zum Bunde der drei Männer, dieſer erweitert ſich zum Bunde der drei Landſchaften auf dem Rütli, dem bald die That folgt durch die Erſtürmung der feſten Burgen und Vertreibung der Vögte. Der ſchlimmſte der tyranniſchen Vögte aber iſt Geßler, der mit unerhörter Grauſamkeit Wilhelm Tell, das Muſter eines ſchlicht ehrenhaften Bürgers, zum Schuß auf das Haupt ſeines Kindes, und dann zum Schuß auf das Herz des Tyrannen ſelbſt aus Nothwehr treibt. Tell's Mißhandlung fällt zuſammen mit der der übrigen Landesbewohner; ſeine That, obwohl unabhängig vom Bunde, fällt mit den Thaten der Bundesmitglieder zuſammen, und ſo erkennt das Volk in ihm, der die größte That vollbracht, den Befreier des Landes und feiert ihn als ſolchen.


