Aufsatz 
Schillers Wilhelm Tell, erläutert und gewürdigt für die Schule
Entstehung
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erläutert und gewürdigt für die Schule von duard Kuenen, Oberlehrer.

Der deutſche Unterricht findet, namentlich in den oberen Klaſſen, ſeinen Ausgangs⸗ und Kern⸗ punkt in der Lectüre. Indem er die Lehre von den Gattungen und Arten der Poeſie behandelt, ſucht er dieſelben durch eine paſſende Auswahl von Proben aus dem Leſebuche zu veranſchaulichen. Die poetiſche Lectüre in Secunda umfaßt vor allem Schiller's Poeſieen aus ſeinen reiferen Jahren, jene Gedichte, in denen ein ideenreicher Inhalt in vollendeter mannigfaltiger Kunſtform ſich dar⸗ bietet, wobei auch frühere nicht auszuſchließen ſind, alſo diejenigen, welche dem antiken Sagenkreiſe entnommene Stoffe behandeln, die Balladen und Romanzen, die größeren beſchreibenden Gedichte, vor allem der Spaziergang und das Lied von der Glocke. Von größeren Dichtungen Goethe's gehört Hermann und Dorothea beſonders hierher; ferner können Herder's Cid, Theile des Nibelungen⸗ liedes in den Bereich dieſes Kreiſes gezogen werden. Aber auch größere, umfaſſendere Werke ſollen dem ſchon ein bewußteres geiſtiges Verſtändniß der nationalen Literatur anſtrebenden Schüler der oberen Klaſſen erſchloſſen werden. Auch das Drama tritt in die Reihe des hier zu behandelnden Stoffes, und da erſcheint Schiller wiederum als der geeignetſte, um mit ſeinem Tell, der Jungfrau von Orleans oder der Braut von Meſſina den Anfang zu machen, während Wallenſtein, Maria Stuart, Don Carlos und Goethe's Dramen der Prima anheimfallen.

Für die Privatlectüre empfiehlt ſich Uhland's Ernſt von Schwaben, Leſſing's Minna von Barnhelm, Körner's Zriny, auch Goethe's Götz und Taſſo.

Daß Schiller eine ganz beſonders geeignete Lectüre für die oberen Klaſſen bietet, bedarf wohl keiner weiteren Begründung. Von welcher Tragweite jedoch ſein Einfluß auf die religiös⸗ſittliche Bildung, auf die Entwickelung und Förderung des nationalen Bewußtſeins und Geiſtes der Schüler, auf die Erweiterung ihres Ideenkreiſes, auf die Entfaltung ihres äſthetiſchen und ſprachlichen Ge⸗ fühles iſt, kann nicht hoch genug geſchätzt werden. Was den letzteren Punkt betrifft, ſo verſuche man nur Aufſätze aus dem Bereiche des Geleſenen, d. h. nach Darlegung des Ideenganges, der zum möglichſt vollen Verſtändniß gebracht werden muß, anfertigen zu laſſen, und man wird ſich wundern über die Fortſchritte, welche die geweckteren Schüler in dem ſchriftlichen Gebrauche ihrer Mutterſprache machen werden. Rob. Heinr. Hiecke in ſeinem Buche,der deutſche Unterricht auf deutſchen Gymnaſien, hebt ſolche Uebungen, namentlich auf dramatiſchem Gebiete, ganz beſonders hervor.*) Aber auch die Balladen Schiller's und die übrigen oben erwähnten Gedichte bieten Stoff genug zu ſolchen Beſprechungen und gewähren eine Fülle von Themata, die im Bereiche der Faſſungskraft der Schüler liegen.

Das Drama als der ſchwierigſte Theil der Lectüre in Bezug auf ſeine innere Erfaſſung bedarf nun aber einer ganz beſonderen Aufmerkſamkeit. Da jedoch die Zeit fehlt, ein Stück ganz in der Klaſſe zu leſen, ein lückenhaftes Verſtändniß aber offenbar vom Uebel iſt, ſo wird man wohl am richtigſten verfahren, wenn man den erſten Aect ſtatariſch in der Klaſſe lieſt, bis der Schüler in das Verſtändniß der Expoſition eingedrungen iſt. Zu dieſem Zwecke laſſe man zuerſt den Inhalt der einzelnen Scenen, dann des ganzen Actes angeben, zunächſt ganz kurz, dann ausführlicher, wobei man den Schülern rathend und helfend zur Seite ſteht, um ſie das Weſentliche vom minder Wich⸗ tigen unterſcheiden zu lehren. Die beiden folgenden Acte kann man curſoriſch in der Klaſſe leſen, nachdem die Schüler angehalten worden, das jedesmal zu Leſende ſich vorher genau anzuſehen, was bei einmal gewecktem Intereſſe ſicher nicht verſäumt wird. Die curſoriſche Lectüre kann auch mit vertheilten Rollen vorgenommen werden, welches noch den beſonderen Vortheil hat, daß der Unter⸗

*) Der deutſche Unterricht auf deutſchen Gymnaſien von R. H. Hiecke, Director und Profeſſor am Gymnaſium zu Greifswald. S. 136 u. ff.