Aufsatz 
Gefahren moderner Jugendlektüre
Entstehung
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Gottes entgegenwarten; ſie geben eine Frömmigkeit, die weit weniger mit kerniger Mannhaftigkeit, als durch weichliche und ſüßliche Empfindungen ſich äußert; ſie laſſen den Mund, bis zur Entweihung des Heiligen, von frommen Worten und Redensarten überfließen, und ihre breite Darlegung innerer Heilsbewegungen artet nicht ſelten ineine Verletzung der religiöſen Schamhaftigkeit aus, die das Heiligthum des innern Lebens durch Bloßlegung eben ſo gefährdet, wie die Verletzung der Scham auf einem niedern Gebiete das Mark angreift (Hülsmann). Dabei arten ſolche Schriſten, indem ſie durch eine verſchwenderiſche Anwendung von Effekten der Wunder Gottes in der inneren und äußeren Führung des Menſchen zum Glauben und zur Tugend locken wollen, nicht ſelten zu einer wahren Romantik der Weltregierung aus. Wenn das Kind, worauf es doch wohl abgeſehen iſt, ſich in den Glauben hineinlebt, daß die göttliche Vorſehung überall in der Weiſe zu Hülfe eilt, wie es in ſolchen Büchern zu leſen iſt, ſo wird es ſich daran gewöhnen, mit ein wenig Tugend den künftigen Wundern müſſig entgegenzuharren und, wenn ſie ausbleiben, an Gott ſelbſt irre zu werden. Wenig⸗ ſtens an der ſtillen Macht des göttlichen Gerichtes im Herzen des Menſchen wird ihm nicht lange genügen. Ueberhaupt ſcheint die alte Lehre Plato's, daß man der Jugend den Werth der Gerechtigkeit und der Tugend ohne Verheißung irgend eines äußeren Gewinnes anempfehlen ſolle, von manchen unſerer chriſtlichen Schriftſteller vergeſſen zu ſein. Dem Kinde aber muß es ſchwer werden, Tugend ohne Selbſtſucht zu üben, wenn es in ſeinenGeſchichtenbüchern an hundert Beiſpielen lernt, daß die Tugend immer auch äußerlich, mit ihrem Theil ſchöner Kleider, oder auch mit einem hübſchen Hauſe, großem Anſehen und hohem Titel belohnt werde, und daß ehrlich nicht nur am längſten währt, ſondern auch am behäbigſten. 2*