Aufsatz 
Gefahren moderner Jugendlektüre
Entstehung
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Moral ſich irre führen. Was iſt ſitttich rein? Viele meinen, es beſtehe darin, daß in der Jugendſchrift vorſichtig jeder unzarte Ausdruck vermieden, alles Schroffe und Harte ausgeglättet, das Gemeinmenſchliche in Euphemismen gehüllt und beſonders das Bild der Liebe dicht verſchleiert werde. Aber man geht dabei oft ſo ängſtlich zu Werke, daß das Kind ſelbſt argwöhniſch wird und wenigſtens dann, wenn es einmal durch ſolche Ver⸗ ſchleierungen hindurch in das wirkliche Leben ſieht, auf ſchlimme Gedanken oder ganz außer Faſſung kommt. Denſelben Schrift⸗ ſtellern aber, die vor jeder Nudität die übertriebenſte Furcht haben, begegnet dagegen nicht ſelten die unangenehmſte Ver⸗ wechſelung von Recht und Unrecht; ein wenig Scheinheiligkeit, ſelbſtzufriedene Wohlthätigkeit, Eitelkeit, Ehrgeiz geht bei ihnen ganz anſtändig unter der allgemeinen Tugendfirma in den Handel.

Viele auch meinen, dasſittlich Reine beſtehe darin, daß. man alles Schlechte entfernt halte und nur reine Tugendideale darſtelle. Aber ſie vergeſſen, daß es nur die Wahrheit des Lebens iſt, die praktiſche Theilnahme erweckt, und daß das Gute nur im Gegenſatze des Böſen erkannt und geliebt wird. Herbart hat auch hierüber Gedanken, die unſeren Jugend⸗ ſchriftſtellern ſchwer einkommen werden.Stellt Kindern, ſagt er,das Schlechte dar, deutlich, nur nicht als Gegenſtand der Begierde; ſie werden finden, daß es ſchlecht iſt. Unter⸗ brecht eine Erzählung durch moraliſches Räſonnement; ſie werden ſinden, daß ihr langweilig erzählt. Stellt lauter Gutes dar; ſie werden finden, daß es einförmig iſt, und der bloße Reiz der Abwechſelung wird ihnen das Schlechte willkommen machen. Aber gebt ihnen eine intereſſante Erzählung, reich an Begebenheiten, Verhältniſſen, Charakteren; es ſei darin ſtrenge pſychologiſche Wahrheit und nicht jenſeits der Gefühle und Einſichten der Kinder; es ſei darin kein Streben, das

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