— 16—
Jene Geſchichten kommen übrigens meiſtens aus ganz wohlmeinender Abſicht. Wie hundert und aberhundert„kleine Erzählungen für Kinder“ darauf hinausgehen, an eine Muſter⸗ karte von allen erdenklichen kleinen Kindertugenden und Kinder⸗ unarten einen encyklopädiſchen Tugendunterricht zu knüpfen(als ob jede einzelne Tugend beſonders gelehrt und jede einzelne Unart eigens ausgerottet werden müßte, und nicht aus einer lebendigen Wurzel alle Tugenden hervortrieben), ſo pflegt auch den umfänglicheren Geſchichten für die Jugend irgend eine moraliſche Tendenz untergelegt zu werden. Aber Herbart fürchtet nicht mit Unrecht, daß„ſchon die Abſicht zu bilden die Kinderſchriften verdirbt.“ Der Knabe merkt, daß dieſe Tugendhelden, mit denen man ihn locken will, nicht Fleiſch und Blut haben, und wird mißtrauiſch; er wird es um ſo mehr, wenn die Helden ihm noch mit vielen Worten ange⸗ prieſen und die Moral der Geſchichte ihm einräſonnirt werden ſoll. Er wittert eine Unwahrheit in der Moral.
Selbſt von der natürlichſten Forderung,„daß die Jugend⸗ ſchrift ſittlich rein gehalten ſein müſſe,“ läßt jene tendenziöſe
der ſeligen Mutter zu behandeln verſteht, ſich dann in freiwilliger Selbſtverbannung vom Herzen des Vaters losreißt, um ſein Herz frei zu machen,— in einem ſechs Seiten langen Brief von jenſeits des Meeres ihrem„lieben Herzensvater“ von ihrer kindlichen Liebe erzählt und von einem jungen Arzte, der ihr„moraliſch wohlthat“ und auch„praktiſchen Rath“ ertheilte,— nach wenigen Jahren aber, als Gouvernante verkleidet, zurückkehrt und das von der Stiefmutter verwahrloſte Haus wieder mit allen weiblichen und häuslichen Tugen⸗ den verklärt. Wer ſich die Mühe nehmen will, jene Erzählung(die „preisgekrönte“ des Jugend⸗Albums von 1852, auf deſſen Titel die Namen G. H. v. Schubert, C. Stöber, Friedr. Hoffmann ꝛc. als Aus⸗ hängeſchild glänzen) näher anzuſehen, wird leicht begreifen, wohin unſere Meinung geht und weshalb wir Anſtand nehmen müſſen, ſie an dieſem Orte durch weitere Citate zu begründen.


