— 9—
rathe ihrer Geſchichten ganz von ſelbſt übten, ſpringt im Kin⸗ derbuche zur unverſtändigſten Verſchwendung über. Dem Märchen aus lieben Munde lauſchte das Kind immer wieder, bis es endlich ſelbſt dem ſtockenden Erzähler einhelfen konnte; unterm Hören und Wiederhören erwachte der Trieb, wuchs die Luſt und die Befähigung des Wiedererzählens, und klare Bilder mit unverwüſtlicher Lebendigkeit ſetzten ſich als dauerndes Eigen⸗ thum in der Erinnerung des Kindes ab. Jetzt,— im Kinder⸗ buche,— fliegt die brennende Neugierde an einem Abend ganze Reihen von Geſchichten durch; kaum aufathmend von dem ein Mal geleſenen Buche fordert die Ungeduld neue und neue Bücher, und von allen bleibt der erhitzten Phantaſie nur ein Gewirre von nebelhaften Vorſtellungen, ohne Anregung zum Reproduciren, ohne eine Spur jener Feſtigkeit und Treue, mit welcher, wie ſchon die alten Druiden bemerkten, das Gedächtniß gerade dasjenige zu bewahren pflegt, was keine Schrift ihm zu erſetzen vermag.
Mit der Sitte der mündlichen Ueberlieferung geht aber zugleich eine unſchätzbare ſittliche Wirkung verloren. Jene Mütter und Großmütter, Väter und Tanten, die in unbewuß⸗ tem dichteriſchen Drange und aus eigenem kindlichen Gemüthe heraus die Meiſterſchaft in der Kunſt des Erzählens übten, zogen das Kind zugleich mit feſten Banden der Liebe und Pietät unmerklich an ſich, und an ihre Geſchichten knüpften ſich, bis in's ſpäteſte Alter ausdauernd, die liebſten, dankbarſten und oft heiligſten Erinnerungen der Kindheit. Jetzt, im Buche, iſt die Geſchichte nichts als Geſchichte. Und wo auch noch ein Meiſter im Erzählen ſich fände, ſo wird es ihm ſchwer werden, die dankbare Bewunderung der Kinder zu gewinnen; denn die geheimnißvollen Schätze, als deren eigenſter Bewahrer er einſt erſchien, ſind ja jetzt in Büchern preisgegeben und das altkluge Kind wird bald meinen, daß doch Niemand, auch


