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kung,„daß, wenn der Knabe anfängt, Märchen zu leſen, die Zeit ſchon da ſei, wo er ſie nicht mehr leſen ſollte.“ Die Grimm'ſchen Kinder⸗ und Hausmärchen würden die beſte aller Kinderſchriften ſein, wenn ſie— nicht eine Schrift wären⸗ Sie ſind faſt lebendige Rede, unmittelbar dem Munde des Volkes abgelauſcht(vor Allem der märchenreichen Meiſterin im Erzählen, Frau Viehmännin in Nieder⸗Zwehrn) und„in jenem reinen Tone der Naivetät, im Tone der lauten Erzählung, mit allen Schattirungen der Mimik und der Betonung“(Gervinus) niedergeſchrieben. Aber für die verlorene Kunſt und Sitte der mündlichen Mittheilung bieten ſie eben doch nicht vollen Erſatz.
Man muß den Sammlern dankbar ſein, daß ſie die „unſcheinbare, aber reine und köſtliche Perle unſerer Volks⸗ poeſie“(Vilmar), da ſie ſchon faſt verloren gegangen war, aufgeſucht und in Schrift gefaßt haben; aber beklagen muß man, wie neben dieſen ächten Märchen nun auch, mit Anſpruch auf gleichen Werth, die Induſtrie unfähiger Märchenſammler und Märchenmacher ihr Weſen treibt. Man liefert ungeſchickte Ueberſetzungen des Märchens der Tradition; man holt zu den deutſchen auch noch morgenländiſche Märchen herbei, die aus ganz anderen, meiſt erotiſchen und oft geradezu unſittlichen Motiven, ſowie aus viel glühenderer Phantaſie entſprungen ſind, und giebt ſie den Kindern zum Leſen, als ob dieſe wirk⸗ lich, wie Jean Paul ſagt,„kleine Morgenländer“ wären. Und man bringt noch mehr moderne, nachgemachte Märchen, in denen„in der Regel Alles einen wachsfigurnen Charakter hat, in denen der ganze Feen⸗ und Geiſterkram erlogen, in der Seele des Schöpfers ſelbſt erlogen, oder beſten Falles erträumt, aber nicht wirklicher gehalten iſt, als ein Traum.“(B. Auer⸗ bach.) Und ſo wimmelt es jetzt von Märchen, und überall finden ſich liebreiche Hände, die ſolche Waare für die Kleinen


