Aufsatz 
Gefahren moderner Jugendlektüre
Entstehung
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wie es wohl geſchieht, dem Kinde ſelbſt in die Hand giebt, ſo ſoll man wenigſtens nicht meinen, daß, was ehemals im Sing und Sang des Muttermunds oder der kindlichen Spiele ſo ſüß erklingen mochte, jetzt von den Kindern unſerer Zeit mit gleicher Luſt und gleichem Gewinn aus Büchern geleſen und gelernt werden könne. Nur eine Karrikatur unſerer verkünſtelten Kindererziehung iſt es, wenn man jetzt dem Kinde ſein Wie⸗ genlied nicht mehr ſingt, ſondern zum wohlbedächtigen Leſen giebt.

Auch das Märchen, das Jahrtauſende hindurch allein im Odem der friſchen Rede lebte, kränkelt in den Feſſeln der Schrift. Die Wunder der Rieſen und Zwerge, die Drachen und Feen, die vordem der geheimnißreiche Mund des Märchen⸗ erzählers in ſchauerlich ſüßer Dämmerſtunde dem inneren Auge des lauſchenden Kindes vorüberführte, mutheten es an wie ungreifbare Nebelgeſtalten aus duftiger Ferne und unvordenk⸗ licher Zeit. Jene ferne Welt wurde ihm lieb und heimiſch, ohne daß es daran dachte, ſie in der Gegenwart wieder zu finden. Aber die luftigen Geſtalten verlieren einen Theil ihres geheimnißvollen Zaubers, wenn ſie in Schrift erſtarrt, aus dem offenen Buche an das Kind herantreten. Sie ſtehen in der modernen Wirklichkeit da, wollen mit ihr in Einklang geſetzt ſein, fordern die Reflexion heraus und verſetzen das Kind nicht ſelten in die quälende Unruhe, ob es den tollen Spuck ver⸗ lachen oder in ihm irgend eine greifbare hiſtoriſche oder mora⸗ liſche Wahrheit finden ſoll. Wie das ächte Märchen ſelbſt ſeinen Urſprung in der erſten Kindheit und ſein rechtes Leben im Munde des Volkes hatte, ſo gehört es auch recht eigent⸗ lich der frühen Kindheit, die das Wunderbare noch gläubig harmlos hinnimmt, und eignet ſich kaum mehr für das Sta⸗ dium des Leſens, mit welchem das vorwitzige Zweifeln beginnt. Gervinus hat daher nicht ganz Unrecht mit ſeiner Bemer⸗