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vorigen Jahrhunderts hinaus einigte der Leſeeifer der Erwach⸗ ſenen und der Nichterwachſenen ſich wenigſtens bei der Inſel Felſenburg und Bunyan's Pilgerreiſe.
Es war natürlich, daß neuere Methodiker— zunächſt die Baſedow'ſche Schule— den Leſetrieb der Jugend auch für beſtimmtere pädagogiſche Zwecke zu benutzen ſuchten. Aber nicht allein dieſe Abſicht, ſondern auch der Charakter der Lite⸗ ratur, der damals ſeiner Kindlichkeit und Volksthümlichkeit ſich mehr und mehr entäußerte, und die Hinneigung zur Verkünſte⸗ lung und Ueberreizung der Kulturzuſtände überhaupt mochten dazu wirken, daß die Weiße, Rochow, Campe, Salz⸗ mann ec. in ihren Verſuchen, eine eigens für Kinder zugerichtete Literatur aufzubringen, alsbald von hundert und aberhundert berufenen und unberufenen Händen unterſtützt und daß die Erzeugniſſe dieſer Literatur allenthalben als neue köſtliche Kindergabe mit Freuden empfangen wurden.
Von einer guten Jugendlektüre durfte man mit Recht erwarten, daß ſie dazu diene, die Anſchauungen und Gedanken der Jugend zu erweitern, den Sinn für das Schöne zu bilden, ſittliche und religiöſe Empfindungen zu nähren, das Urtheil zu reifen, das Wiſſen zu bereichern und mindeſtens den Gefahren der Langeweile in bequemſter Weiſe vorzubeugen. Wenn aber ſolche Erwartungen noch heute unterhalten und auch auf unſere moderne Kinderliteratur ausgedehnt werden, ſo überſieht man dabei, daß unſere Jugend Anderes und anders lieſt, als die urſprüngliche Abſicht es wollte und daß eben hierdurch jene Abſicht vereitelt wird. Unſere Jugendliteratur treibt nicht mehr unmittelbar aus der Tiefe der Volksbildung heraus, ſondern hat ſich von dieſer wie von der klaſſiſch volksthümli⸗ chen Literatur als eigenes Kinderſchriftweſen mehr und mehr abgelöſt; ſie iſt nicht einmal mehr Ergebniß irgend einer ſchulmänniſch⸗pädagogiſchen Veranſtaltung, ſondern faſt durchweg


