Aufsatz 
Schiller im Spiegel seiner Philosophischen Briefe / von Felix Kuberka
Entstehung
Einzelbild herunterladen

lichen Geistes durch die Welt und ihre Teile verkündet, hat er es einigermassen im Unklaren gelassen, wie weit nun die Gottheit selbst in das All der Erscheinungen verschwindet und in die Summe der individuellen Einzeldinge aufgeht. Dieses Schwanken ist um so begreiflicher, als dieser Standpunkt der pantheistischen All-Einheit jede qualitative Schranke zwischen Gott und Welt, dem Körperlichen und Geistigen beseitigt und damit uns das notwendige Korrelat dieser pantheistischen Weltanschauung an die Hand gibt: Das Prinzip der universellen All- beseelung. Daher ist in der Welt ein jedes Ding, auch das scheinbar Körperliche und Unbelebte, etwas Geistiges und Beseeltes, eine in den verschiedenen Stufen bewusstheitlicher Klarheit die Lichtfülle Gottes widerspiegelnde Monade. Und eben damit stehen wir vor dem dritten Merk- mal dieser spiritualistischen Weltanschauung. Die bloss graduelle Verschiedenheit der Dinge in ihrem Verhältnis zu sich und zu der Gottheit ermöglicht das allmähliche Aufsteigen des Niederen zum Höheren, des Menschlichen zum Göttlichen, Allewigen. Darum bildet für die Anschauungen der Lauraoden die göttliche Einheit den Anfang und das Ende. Jene schildert uns dasGeheimnis der Reminiszenz. Der Dichter war in unendlich vergangenen Zeiten mit der Geliebten zu einer höheren, göttlichen Einheit vereinigt. Diese bildet den grandiosen Ab- schluss derPhantasie an Laura. Aus der Welt der irdischen Vielheiten hat sich der Dichter und seine Geliebte wieder zu dem Zustand der ursprünglichen Einheit zurückgefunden, an die Stelle des rastlosen Werdens tritt der Zustand der Beharrung, an die Stelle der Vielheit der Dinge die Harmonie göttlicher Vollkommenheit.

Noch aber fehlt uns in dem Vollzug dieses grossen Weltendramas die Analyse und nähere Darstellung des gegenwärtigen, in der Mitte dieser metaphysischen Entwicklung liegenden Weltzustandes, und was die Lauraoden nur kurz und perspektivisch andeuten, ebendieses be- gründet dieTheosophie des Julius in ausführlichem Masse. Daher spiegelt gleich der erste Abschnittdie Welt und das denkende Wesen die idealistische Auffassung Leibnitzens allseitig wider. Das Universum wird zu einem Gedanken Gottes. Die Gesetze der Natur sind dieChiffern, welche das denkende Wesen zusammenfügt, sich den denkenden Wesen verständlich zu machen, das Alphabet, vermittelst dessen alle Geister mit dem vollkommensten Geist und mit sich selbst unterhandeln. Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, dieses Wort gilt hier in einem höheren als bloss poetischen Sinne. In dem Körperlichen schauen wir nun das Geistige, in dem scheinbar Seelenlosen das Beseelte, das Lebendige und Göttliche.Wie merkwürdig wird mir nun alles! Jetzt, Raphael, ist alles bevölkert um mich herum. Wo ich einen Körper entdecke, da ahnde ich einen Geist, wo ich Bewegung merke, da rate ich auf einen Gedanken. Der zweite Abschnitt, welcherIdee betitelt ist, sucht auf dieser Metaphysik die Ethik zu begründen. Dass der Mensch zu dem höchsten Mass der Glückseligkeit bestimmt sei, darüber bestand bei dem unter dem Einfluss Leibnitzens, Garves und Fergusens stehenden Dichter kein Zweifel. Aber dieser Hedonismus ist darum nicht Egoismus. Denn jeder Zustand von Glückseligkeit und Vollkommenheit, den wir bei andern erblicken, wird auf dem Augenblick unser, worin wir uns eine Vorstellung von ihm erwecken, und darum bedingt die Erhöhung fremder Glückseligkeit auch die Vergrösserung unseres eigenen Glückes. Daher begründet der Egoismus in Wirklichkeit den Utilitarismus, und eben diese Begierde nach fremder Glückseligkeit, die wir zu verwirklichen streben, da wir dadurch unsere eigene erhöhen, nennen wir Wohlwollen oder Liebe.Liebe also das schönste Phänomen in der beseelten Schöpfung, der allmächtige Magnet in der Geisterwelt, die Quelle der Andacht und der erhabensten Tugend Liebe ist