8— der den Samen der Theosophie in Schillers Seele streute, eine Gestalt aus Schillers ursprüng- lichem Romane. Schiller-Julius wendet sich an Raphael als seinen Freund und Lehrer. Dieser hat die Gedanken der Theosophie dem jugendlichen Dichter übermittelt, ist daher selbst der ideale Schwärmer und Theosoph. Von der späteren Durchführung der Philosophischen Briefe war darum die Anlage des ursprünglichen Romanes wesentlich verschieden und sollte in Wirklichkeit nur das Glaubensbekenntnis der in den idealen Anschauungen der Theosophie sich begegnenden Freunde enthalten. Ob dabei Schiller unter dem Raphael seines Romanes sich seinen Freund Lemp vcorstellte, der nachweislich auf Schiller einen grösseren Einfluss aus- übte, wie eine feinsinnige Bemerkung Minors vermutet, mag dahin gestellt bleiben. Alle äusseren Motive zu der Abfassung des ursprünglichen Romans sind gewiss in der Stuttgarter Epoche Schillers gegeben. Das Vorbild des Goetheschen Werther wirkt auf den jugendlichen Dichter. Das Bestreben, seine nunmehr im gewissen Sinne abgeschlossenen Gedanken einheit- lich zusammenzufassen, macht sich überdies in ihm immer stärker bemerkbar. So entsteht die„Theosophie des Julius“, ein Roman in Briefform oder doch wenigstens der uns noch heute erhaltene Rest eines solchen, in welchem der jüngere Dichter seinem gleichgesinnten älteren Freund die ihnen gemeinsamen Ideen von Gott und Welt, Liebe und Glückseligkeit vorzu- legen gedachte.
In der Tat enthalten die Ideen der Theosophie durchaus die Grundanschauungen der Stuttgarter Epoche, und nichts ist darum verkehrter, als in der Theosophie des Julius, wie es noch von seiten Kuno Fischers geschieht, das philosophische Glaubensbekenntnis Schillers aus der Zeit seiner Don Karlosdichtung zu erblicken. Würden die Gedanken der Theosophie der Stufe des Don Karlos entsprechen, so müssten offenbar auch die Gedanken des Don Karlos sich in der Theosophie des Julius widerspiegeln. Aber vertritt jener den Standpunkt eines entschiedenen Deismus, so denkt diese pantheistisch und panpsychistisch. Für den Marquis Posa bildet das Universum einen gesetzmässig geordneten Mechanismus, den die Gottheit gemäss ihrer Allmacht geschaffen und gemäss ihrer Allwissenheit seinen eigenen immanenten, von ihr festgestellten Gesetzen überlassen hat. Daher entspricht der rein spiritualistischen Auffassung Gottes als eines von der Welt geschiedenen, transzendenten Wesens eine rein mechanistische Naturlehre. Wie der Künstler von seinem Kunstwerk, so hat sich die Gottheit von der Welt nach ihrer Schöpfertat zurückgezogen.„Ihn, den Künstler, wird man nicht gewahr, bescheiden verhüllt er sich in ewige Gesetze.“ Dass dagegen das Universum ein Gedanke Gottes, dass alles in mir und ausser mir nur das Symbol des das All der Dinge durchflutenden göttlichen Geistes ist, darin besteht das tiefste Glaubensbekenntnis der theosophischen Briefe. Nicht die deistischen Gedanken des Don Karlos, sondern die pantheistischen Ideen der Anthologie vom Jahre 1782 und der Lauraoden klingen darum in der Theosophie des Julius tausendfältig wieder. Ein an Leibnitz orientierter Idealismus, das ist der Sinn und das Thema ihrer Lehre. Daher gibt es für diese Betrachtungsweise auch nur einen Ausgangspunkt des Denkens: es ist die Idee Gottes. Diese Existenz Gottes involviert zugleich die Existenz der Dinge. Denn es ist die metaphysische Bedeutung der Prinzipien von Freundschaft und Liebe, die Einheit des göttlichen Urzustandes zu vernichten und eine Vielheit irdischer Realitäten aus der Emanation des göttlichen Geistes zu erzeugen. Schillers Anschauungen sind daher im wesentlichen diejenigen eines religiösen und metaphysischen Pantheismus, eines Pantheismus, den man vielleicht noch genauer mit dem Begriff des Panentheismus belegen könnte. Denn indem der Dichter die Emanation des gött-


