Aufsatz 
Schiller im Spiegel seiner Philosophischen Briefe / von Felix Kuberka
Entstehung
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I. Der Kern.

Dass nun aber eben diese Theosophie des Julius bereits in der Stuttgarter Epoche Schillers wurzelt und jene Anschauungen verkündet, welche die Lauraoden Schillers und die Anthologie vom Jahre 1782 in so poetischer Weise umzeichnen, eben darüber besteht nach den formellen wie sachlichen Mitteilungen der Anthologie kein Zweifel. Ausdrücklich bezeichnet Julius, als er den wiedergefundenen Aufsatz Raphael zusendet, das Ganze als einen Ausfluss aus jenen glücklichen Stunden seiner stolzen Begeisterung. Der Aufsatz war also eine zeit- lang verloren und ist erst jetzt wieder aufgefunden. Er erinnert den Dichter an jene schwärmerischen Zeiten, da nur die Leichenglocke ihn an die Ewigkeit, nur Gespenstermärchen an eine Rechenschaft nach dem Tode gemahnten und er noch den grossen Gedanken von göttlicher Freundschaft und Liebe, Weltanfang und Weltuntergang nachhing. Und diese Tat- sache wird noch weiter auch in rein äusserlicher Weise durch die Philosophischen Briefe be- stätigt. Denn eingeflochten in die Briefe finden sich Strophen aus den GedichtenDie Freund- schaft undTriumph der Liebe, die der Anthologie vom Jahre 1782 entstammen und die theosophischen und idealistischen Anschauungen Schillers aus dieser Zeit verkünden. Und von diesen Gedichten trägt wiederum die Freundschaft den Zusatzaus den Briefen Julius an Raphael, einem noch ungedruckten Roman. Also wurzeln die Philosophischen Briefe in ihren ersten Anfängen in der Stuttgarter Epoche. Aber noch beschränkt sich der Plan der- selben auf einen Roman im Stile des Werther. Erst in der Dresdener Zeit, nach dem Freund- schaftsbund mit Körner, ist dem Dichter der Gedanke gekommen, diesen ursprünglichen Roman in einen Briefwechsel zweier ungleichen, aber sich zu derselben Lebensansicht durch- ringenden Freunde zu verwandeln und die Epochen ihrer Geistesentwicklung darzulegen. Wie aber nun wiederum jener ursprüngliche Roman gestaltet sein sollte, darüber geben uns die Philosophischen Briefe selbst einigen Aufschluss. Nachdem Schiller seine Vorstellungen über die Welt und das denkende Wesen, über menschliche Glückseligkeit, über Gott und Liebe ausführlich begründet, fasst er die Summe seiner Betrachtungen in die Worte zusammen: Hier, mein Raphael, hast Du das Glaubensbekenntnis meiner Vernunft, einen flüchtigen Um- riss meiner unternommenen Schöpfung. So wie Du hier findest, ging der Samen auf, den Du selber in meine Seele streutest. Spotte nun oder freue Dich oder erröte über deinen Schüler. Wie Du willst aber diese Philosophie hat mein Herz geadelt und die Perspektive meines Lebens verschönert. Diese Worte sind, worauf schon Kuno Fischer aufmerksam machte, ein vollkommener Widerspruch zu der in der Vorerinnerung verkündeten Grundidee der Briefe. Du hast mir meinen Glauben gestohlen, so hatte Schiller in seinem ersten Juliusbrief an Raphael ausgerufen. Denn dieser Raphael war kein anderer als Körner, und dieser sollte, wie wir wissen, den zersetzenden Freidenker und Skeptiker spielen. Dagegen wird uns nun am Schluss der Betrachtungen Raphael gepriesen als der ideale Schwärmer und der Theosoph. Dieses auffallende Schwanken Schillers bezüglich der Charakterisierung Raphaels erklärt sich nicht etwa, wie Kuno Fischer ausführt, aus der schwankenden Stellung und Anteilnahme Körners, der wenig fähig war, die ihm aufgedrungene Rolle des Skeptikers durchzuführen. Vielmehr verbergen sich unter dem Namen Raphaels zwei völlig verschiedene Personen. Jener Raphael der einkleidenden Briefe ist in der Tat der von der Grundidee der Briefe geforderte Skeptiker und deckt sich darum nach der freilich nicht durchführbaren Absicht Schillers mit der Persönlichkeit Körners. Demgegenüber bewahrt uns der Raphael der Schlussbetrachtung,