Krisis seines Lebens herantreten würde: an das systematische Studium der kantischen Lehre. Aber dieselbe Wirkung, die die kantische Philosophie nach rückwärts auf das deutsche Geistes- leben vollführte, die bisherigen Probleme und ihre vermeintlichen Lösungen wie Staub hinweg- fegend, übte sie in gleicher Weise auf Schillers Vergangenheit und die Philosophischen Briefe. Die weltumspannenden Gedanken des Königsberger Denkers lassen sich in den engen Rahmen dieses philosophischen Romanes nicht fassen, und mit dem Anfang der kantischen Studien Schillers sind darum auch die Philosophischen Briefe in die Tiefe der Vergessenheit gesunken.
In Wirklichkeit beschränken sich darum die Philosophischen Briefe auf die in dem dritten Heft der Thalia 1786 erschienenen Stücke. Auf„die Vorerinnerung“ folgen die Julius- Raphaelsbriefe, die die„Theosophie des Julius“, als des Kernes des Ganzen, umkleiden. Der erste Juliusbrief atmet die Stimmung, in der sich Schiller nach seiner ersten Begegnung mit Körner in Kahnsdorf und nach seiner Rückkehr nach Gohlis befunden hatte. Aber dieser Stimmung der Wehmut legt der Dichter intellektuelle und religiöse Motive unter. Die Theo- sophie weicht unter dem Einfluss des gereifteren Freundes der Freidenkerei und dem Skepti- zismus. Aber damit tritt an die Stelle eines jugendlich frischen Optimismus eine Epoche der inneren Unzufriedenheit und Verzweiflung„Du hast mir den Glauben gestohlen, der mir Frieden gab. Du hast mich verachten gelehrt, wo ich anbetete. Glaube niemand als Deiner eigenen Vernunft, sagtest Du weiter. Es gibt nichts Heiliges als die Wahrheit. Ich habe Dir gehorcht, habe alle Meinungen aufgeopfert, habe gleich jenem verzweifelten Eroberer, alle meine Schiffe in Brand gesteckt, da ich an dieser Insel landete, und alle Hoffnung zur Rückkehr vernichtet. Meine Vernunft ist mir jetzt alles, meine einzige Gewährleistung für Gottheit, Tugend, Unsterb- lichkeit. Wehe mir von nun an, wenn ich diesem einzigen Bürgen auf einem Widerspruche begegne.“ Wir würden erwarten, dass ein Raphaelsbrief die leidenschaftlichen Anklagen Julius' besänftige. Statt dessen führt ein zweiter Juliusbrief die Antinomie zwischen selbständiger Vernunftherrlichkeit und anatomisch—physiologischer Bedingtheit unseres Denkens weiter aus. Auf der einen Seite erscheint uns die Vernunft als die„einzige Monarchin in der Geisterwelt“. Aber eben dieses vernunftgemässe Denken scheint andererseits auf das Genaueste an die physio- logische Tätigkeit des Gehirns und des Nervensystemes gebunden und daher den allgemeinen Bewegungsgesetzen der Materie unterworfen. Es ist die Aufgabe Raphaels, den Freund von der Qual dieser Betrachtungen zu erlösen.„Raphael, ich fordere meine Seele von Dir. Ich bin nicht glücklich. Mein Mut ist dahin. Ich verzweifle an meinen eigenen Kräften. Nur Deine heilende Hand kann Balsam in meine brennende Wunde giessen.“ Und nun folgt jener uns schon bekannte Raphaelsbrief Schillers, dessen Anfangsworte zwar der Feder Körners, dessen Ausführungen aber sonst ganz und gar dem Kopfe Schillers entstammen. Freilich ist der Inhalt des Briefes nichtssagend genug, um auch heute noch den Zwang, den sich Schiller in der Rolle Raphaels auferlegen musste, deutlich erkennen zu lassen. Solche Krisen des Denkens, schreibt Schiller-Raphael besänftigend an Julius, seien als Läuterungsstufen der individuellen Entwick- lung nötig und nirgends besser als in der Kraft der Jugend zu überwinden. Aber um die Quellen seiner Klagen zu entdecken, solle Julius die aufgezeichneten Resultate seines Nach- denkens hervorsuchen und sie dem älteren Freunde zur Durchsicht übersenden. Und diese Resultate erschöpfen sich in jener„Theosophie des Julius“, die den eigentlichen Inhalt der Philosophischen Briefe bildet und uns das intimste Glaubensbekenntnis des jugendlichen Dichters verkündet.


