Aufsatz 
Schiller im Spiegel seiner Philosophischen Briefe / von Felix Kuberka
Entstehung
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skeptischen Verneiners nicht hineinzufinden und zeigt sich von dieser Seite der von Schiller gestellten Aufgabe, die Sache der Freigeisterei zu führen, nicht gewachsen. Drei Jahre vergehen, bis endlich Schiller unter den 15. April 1788 sich für einen wirklichen Raphaelsbrief Körners, den er für sich gar nicht mehr tätig vermutet habe, bedanken kann. Aber dieser Brief, den Schiller 1789 in der Thalia veröffentlichte und auch im ersten Bande seiner kleineren prosaischen Schriften als einen wirklichen Raphaelsbrief mit abdrucken liess, klingt keineswegs skeptisch, sondern kritisch und ist auch von Schiller dergestalt empfunden worden.Ich müsste mich sehr irren, schreibt er an seinen Freund, wenn das, was Du von trockenen Untersuchungen über menschliche Erkenntnis und demütigenden Grenzen des menschlichen Wissens fallen liessest, nicht eine entfernte Drohung mit dem Kant in sich fasst. Was gilt's, den bringst Du nach? Ich kenne den Wolf am Heulen. Aber damit sind wir zeitlich über die eigentliche Redaktion der Philosophischen Briefe schon längst hinausgeschritten.

Leichter musste es Schiller werden, der Eigentümlichkeit der ihm gestellten Aufgabe gerecht zu werden. Den religiösen Idealisten und Theosophen zu spielen, konnte dem Verfasser der Lauraoden, des Gedichtes überdie Freundschaft undden Triumph der Liebe nicht schwer werden. In der Tat zeigt darum auch dieTheosophie des Julius, die heutzutage den Kern der Philosophischen Briefe bildet, eine ganz eigentümliche, uns noch fernerhin zu beschäftigende Verwandtschaft mit der Grundstimmung der Lauraoden. Anders dagegen ver- hielt es sich mit der dritten an Körner und Schiller zugleich gestellten Aufgabe der Briefe. Körner, der in der Rolle des Skeptikers gescheitert war, löste diese Aufgabe, so gut er konnte, wenigstens in dem Brief von 1789 im kritischen Sinne. Dass dennoch die Philosophischen Briefe nicht fortgesetzt wurden, liegt jetzt nicht an Körner, sondern an Schiller. Wohl bildet die Weiterführung dieses Briefwechsels ein beständiges Ziel in den literarischen Arbeiten Schillers, aber in der Verwirklichung dieser Absicht fehlt es ihm an der nötigen philosophischen Belesen- heit und Schulung. Das Verhältnis zwischen Körner und Schiller dreht sich jetzt in den zwischen ihnen gepflogenen Briefen geradezu um: jener ist der zu neuer Arbeit Ermunternde, dieser der sich Entschuldigende und Zögernde.Ich bin weit davon entfernt, schreibt Schiller unter dem 14. November 1788 über Julius und Raphael, ihn ganz liegen zu lassen, weil ich wirklich oft Augenblicke habe, wo mir diese Gegenstände wichtig sind; aber wenn Du überlegst, wie wenig ich über diese Materien gelesen habe, wieviel vortreffliche Schriften darüber vor- handen sind, die man sich ohne Schamröte nicht anmerken lassen kann, nicht gelesen zu haben, so wirst Du mir gerne glauben, dass es mir immer eine schwerere Arbeit ist, einen Brief des Julius zu schreiben als die beste Szene zu machen. Das Gefühl meiner Armseligkeit und Du musst gestehen, dass dies ein dummes Gefühl ist kommt nirgends so sehr über mich als bei Arbeiten dieser Gattung. Bis in die Zeiten der Jenenser Professur Schillers spinnen sich diese Gedanken. Im Sommersemester 1790 liest er neben einem Privatissimum über Universalgeschichte noch ein Publikum über die Theorie der Tragödie, ganz selbständig und ohne weitere Bücher dabei zu Rate zuziehen.Mich vergnügt es sehr, zu den mancherlei Erfahrungen, die ich über diese Materie zu machen, Gelegenheit gehabt habe, allgemeine philosophische Regeln und vielleicht gar ein szientifisches Prinzipzu finden. Es legt sich mir alles bis jetzt bewunderungs- würdig schön auseinander, und manche lichtvolle Idee stellt sich bei dieser Gelegenheit mir dar. Die alte Lust zum Philosophieren erwacht wieder, und am Ende kommt es auch wieder zu Julius und Raphael. Schiller ahnte, als er diese Worte schrieb, noch nicht, dass er alsbald an die entscheidende