Aufsatz 
Schiller im Spiegel seiner Philosophischen Briefe / von Felix Kuberka
Entstehung
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und Epochen des Denkens, einige Ausschweifungen der grübelnden Vernunft in dem Gemälde zweier Jünglinge von ungleichen Charakteren zu entwickeln und in Form eines Briefwechsels der Welt vorzulegen. Folgende Briefe sind der Anfang dieses Versuches.

Jene Jünglinge von ungleichen Charakteren die sich auf ganz verschiedenen Wegen in derselben Überzeugung vereinigt haben, sind Schiller und Körner. Jener sollte nach dem ursprünglichen Plan der Briefe die Juliusrolle, dieser, als der Altere und Bedächtigere, die Raphaelsrolle übernehmen. Das Ziel der Briefe aber sollte sein, die verschiedenen Epochen der Vernunft, die, phylogenetisch die Entwicklungsstufen des Menschengeschlechtes darstellend, sich ontogenetisch in der Entwicklung des Individuums wiederholen, auseinander zu legen und die Notwendigkeit ihrer Aufeinanderfolge zu begreifen. Daher bildet der Weg von dem religiösen Dogmatismus über den Skeptizismus zu einer wissenschaftlich haltbaren Lebensansicht das intellektuelle Motiv Schillers wie das Thema der Philosophischen Briefe.Skeptizismus und Freidenkerei, so wird uns in der Vorerinnerung verkündet, sind die Fieberparoxismen des menschlichen Geistes und müssen durch eben die unnatürliche Erschütterung, die sie in gut organisierten Seelen verursachen, zuletzt die Gesundheit befestigen helfen. Je blendender, je verführender der Irrtum, desto mehr Triumph für die Wahrheit, je quälender der Zweifel, desto grösser die Aufforderung zu UÜberzeugung und fester Gewissheit. Diese bildet daher, wie den Abschluss der individuellen Entwicklung, so auch das Endziel der Philosophischen Briefe.Die Fortsetzung des Briefwechsels wird es ausweisen, wie diese einseitigen, oft über- spannten, oft widersprechenden Behauptungen endlich in eine allgemeine, geläuterte und fest- gegründete Wahrheit sich auflösen. Verteilen wir die Darstellung dieser Vernunftepochen wieder auf die Verfasser der Briefe, so sollte Schiller die Rolle des religiösen Dogmatikers, Körner die Rolle des religiösen Freidenkers und Skeptikers übernehmen und in der Vereinigung zu einer geläuterten Weltansicht das Endziel und der intellektuelle Ertrag der Briefe liegen. Dieses, fügte Schiller hinzu, musste vorausgesagt werden, um den Gesichtspunkt anzugeben, aus welchen wir den folgenden Briefwechsel gelesen und beurteilt wünschen.

Allein diesem Plan des Ganzen entsprach die systematische Fortführung des Brief- wechsels nur wenig. Die Schuld daran lag an den beiden Autoren, vor allem an Körner. Viel- seitige Amtsbeschäftigungen und Zerstreuungen traten Körner bei der Ausführung der Briefe hinderlich entgegen. Noch ist uns Schillers köstlicher SchwankKörners Vormittag als ein treues Spiegelbild jener Zeiten überliefert. Körner tritt auf, im Schlafrock und Pantoffeln, vor ihm die Raphaelsbriefe. Aber wie Schiller plötzlich hereintritt und nun dieselben durch- mustert, um noch heute das Manuskript an Göschen zu senden, bekommt er nicht mehr als die Anfangsworte des ersten Raphaelsbriefes zu Gesichte. Und da ferner der Vormittag mit allen möglichen Besuchen und Abhaltungen verzettelt wird, so ist es auch bei diesen dreizehn von Schiller namhaft gemachten Anfangsworten geblieben. In der Tat bilden sie auch noch heute den Anfang des ersten und einzigen Raphaelsbriefes. Dass daher diese Worte auf Körner selber zurückgehen, aber eben damit auch die Anteilnahme Körners an den in dem dritten Heft der Thalia 1786 gedruckten Briefen erschöpft ist, hat man keinen Grund zu bezweifeln, und daher entstammt, wie Kuno Fischer und besonders Edward Schröder gezeigt haben, auch der in die Sammlung aufgenommene Raphaelsbrief nicht der Feder Körners, sondern der Schillers. Aber dieser Mangel an Anteilnahme liegt zugleich noch tiefer als allein in den äusseren Zerstreuungen Körners. Vermöge seiner kritischen Geistesrichtung vermag sich Körner in die Rolle des