Schiller im Spiegel seiner Philosophischen Briefe. Von Dr. Felix Kuberka.
Unter den prosaischen Jugendschriften Schillers, die aus der Frühzeit seines philo- sophischen Denkens geboren, es uns gestatten, die allgemeine geistige Entwicklung des Dichters, wenn auch nicht überall lückenlos, so doch mit hinlänglicher Sicherheit klar zu legen, nehmen die„Philosophischen Briefe“ eine besonders wichtige und vornehme Stellung ein. Erschienen im Jahre 1786 im dritten Heft der von Schiller herausgegebenen Thalia, aber in ihren Ursprüngen weit bis in die Stuttgarter Epoche zurückreichend und doch wiederum in ihren Schlussab- schnitten bis an die Pforten des Kritizismus Kants gelangend, spiegeln diese Briefe die allgemeine geistige Entwicklung Schillers in höchst eindrucksvoller Klarheit ab. Es ist dies um so mehr zu betonen, als die Quellen, die uns zu Schillers Jugendphilosophie führen, keines- wegs allzu reichlich fliessen und insbesondere die beiden Erstlingsdissertationen Schillers„die Philosophie der Physiologie“ und die Abhandlung„UÜber den Zusammenhang der tierischen Natur des Menschen mit der geistigen“ keineswegs als völlig ungetrübte Selbstbekenntnisse des Dichters anzusehen sind. Weder die Theorie des Nervengeistes, die jene Schrift begründet, noch die vorsichtigere, von dieser induktiv nachgewiesene Hypothese von dem Parallelismus der physischen und psychischen Funktionen gehören an sich zu den primitiven Ergebnissen in Schillers philosophischem Denken. Hatte der Dichter doch schon in seiner Schulrede„Die Tugend in ihren Folgen betrachtet“ längst sein intimstes Glaubensbekenntnis ausgesprochen und die Freundschaft und Liebe als den„zweiten Lebensodem in der Schöpfung“, als das „grosse Band des Zusammenhangs aller denkenden Naturen“ gepriesen. Und wie tief diese Gedanken von Freundschaft und Liebe in der Lebensanschauung des jungen Schillers Wurzel geschlagen hatten, das eben beweisen uns nun auch die„Philosophischen Briefe“ die, äusserlich mit der Abfassung des Don Karlos zusammenfallend, in ihren primitiven Grundbestande doch wesentlich aus Reminiszenzen der Stuttgarter Epoche hervorgegangen sind. Der zeitlichen Entstehung dieser Briefe nachzuspüren und die Absicht, die der Dichter mit diesen Briefen verfolgte, darzulegen, muss daher die erste der uns hier beschäftigenden Fragen sein.
Nun aber hat uns Schiller selbst über die eigentliche Tendenz der Briefe und über die Art und Weise, in der er gedachte, seine Ideen den Lesern mitzuteilen, keinen Zweifel gelassen.„Einige Freunde, von gleicher Wärme für die Wahrheit und die sittliche Schönheit beseelt, so spricht er es in der Vorerinnerung der Briefe aus, welche sich auf ganz ver- schiedenen Wegen in derselben Überzeugung vereinigt haben und nun mit ruhigerem Blick die zurückgelegte Bahn überschauen, haben sich zu dem Entwurf verbunden, einige Revolutionen


