Aufsatz 
Drei Schulreden. 1) Rede zur Feier des 50. Gedenktages der Schlacht bei Leipzig, gehalten am 17. Okt. 1863. 2) Rede, gehalten am 31. Okt. 1867 bei der 50jährigen Jubilarfeier der Gründung des Gymnasiums und dem Amtsjubiläum des Schreib- und Zeichenlehrers Storck. 3) Rede, gehalten am 22. März 1870 bei der Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs / Heinrich Rieß
Entstehung
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23.

freie Wahl des Wohnorts, gab ihnen Bauplätze und Baumaterial, Geld und andere Unterſtützungen zu ihren Niederlaſſungen und gewann ſo zugleich mehr als 20000 trefflicher und nützlicher Unter⸗ thanen; denn nicht die ſchlechteſten Bürger eines Staates ſind es, die um der Treue willen, mit der ſie an ihrem Glauben feſthalten, dem Vaterlande den Rücken kehren. Eifrig bemüht war Friedrich Wilhelm, nicht nur die Rechte ſeiner Confeſſionsgenoſſen nach Außen zu wahren, ſondern auch im Innern ſeiner Kirche, was ihr nachtheilig ſein konnte, hinweg zu räumen, vor allen Dingen dem verderblichen Hader der beiden evangeliſchen Confeſſionen, der das weſentlich Zuſammengehörige und Nahverbundene ſpaltete und die Gemüther erbitterte, Einhalt zu thun. Darum ließ er ein Religi⸗ onsgeſpräch angeſehener Theologen halten, um eine Vereinigung einzuleiten, und als dieſer Verſuch an dem Widerſtand einiger hartnäckigen Eiferer ſcheiterte, erließ er eine ſtrenge Verordnung wider die gegenſeitigen Verunglimpfungen und verlangte, daß alle Geiſtlichen ſich zur Befolgung dieſer Vor⸗ ſchrift verpflichten ſollten. So beſtrebte er ſich, den Geiſt der Duldung, durch den Preußen nach⸗ mals alle Zeit ſich hervorgethan hat, zur Geltung zu bringen, und auch dies Beſtreben hat im eigenen Lande und außerhalb deſſelben des Segens nicht entbehrt. In gleicher Weiſe waren auch in dieſem Jahrhunderte Preußens Könige bemüht, eine Annäherung der evangeliſchen Confeſſionen an einander herbeizuführen, und bei der 3. Säcularfeier der Reformation glaubte Friedrich Wilhelm III. das Gedächtniß dieſer größten That des deutſchen Geiſtes durch nichts beſſer verherrlichen zu können, als durch eine Union der beiden proteſtantiſchen Schweſterkirchen. Wenn auch dies Werk, das aus einem frommen, von warmer Religioſität erfüllten Herzen entſprungen war, manchem Widerſpruch begegnet und ſogar da Anlaß zu Zerwürfniſſen geworden iſt, wo vor allem der Friede herrſchen ſollte: ſo iſt doch damit ein Ziel aufgeſtellt, dem nach Preußens Vorgang auch an anderen Orten nachgeſtrebt worden iſt, und wenn unſere Tage daſſelbe noch nicht erreicht, noch nicht die Aufgabe in ihrer Größe erfüllt ſehen: ſo wird doch, das iſt meine feſte Zuverſicht, eine nicht ferne Zukunft mit der wachſen⸗ den Erkenntniß, daß des Einenden mehr als des Trennenden iſt, die evangeliſchen Herzen unter Gottes Hülfe zur brüderlichen Gemeinſchaft und das von einem preußiſchen König begründete Werk der Ver⸗ einigung zur Vollendung führen.

Durch die Reformation wurde nicht allein in das religiöſe Leben eine heilſame Be⸗ wegung gebracht, ſondern auch ein mächtiges Fortſchreiten auf allen anderen Gebieten geiſtiger Thätig⸗ keit angeregt. Nirgends iſt dies augenſcheinlicher als in Preußen geworden, das unter dieſem Einfluß für Deutſchland ein Herd und ein Sammelplatz der großen Leiſtungen geworden iſt, die das letzte Jahrhundert auf dem Boden des geiſtigen Lebens hat entſtehen ſehen. Nicht als ob es ein Monopol der höheren Cultur beſäße, neben dem für andere nur weniges und dürftiges übrig bliebe; auch andere deutſche Staaten haben Antheil an dem, was der deutſche Geiſt aus ſeinen Tiefen an edlen Schätzen herausgefördert hat: aber unleugbar iſt, daß die großen Männer, welche mit genialem Blick ihrer Wiſſenſchaft neue Bahnen angewieſen und ſich nicht darauf beſchränkt haben, das von andern Gefundene zu ergänzen und weiter auszuführen, vielmehr ſchöpferiſch vorher ungeahnte Geſichtspunkte aufgeſtellt und dadurch ganz neue Gebiete für die Mit⸗ und Nachſtrebenden erſchloſſen haben, daß, ſage ich dieſe, ſoweit ſie Deutſchland angehören, alle oder doch mit ſehr wenigen Ausnahmen, dem