Aufsatz 
Drei Schulreden. 1) Rede zur Feier des 50. Gedenktages der Schlacht bei Leipzig, gehalten am 17. Okt. 1863. 2) Rede, gehalten am 31. Okt. 1867 bei der 50jährigen Jubilarfeier der Gründung des Gymnasiums und dem Amtsjubiläum des Schreib- und Zeichenlehrers Storck. 3) Rede, gehalten am 22. März 1870 bei der Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs / Heinrich Rieß
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

Ja Brandenburg ſtand eine Zeit lang der neuen Lehre feindlich entgegen; denn nicht genug, daß jener Mainzer Erzbiſchof Albrecht aus dem Brandenburger Hauſe es war, der Tetzel zum Ablaßhandel ausgeſchickt hatte, auch ſein Bruder Joachim I., der damalige Kurfürſt, ſah in Luthers Beginnen nichts anderes, als eine ſtrafbare Auflehnung gegen kirchliche und weltliche Gewalt, und verbot daher ſchon bald nach dem wormſer Reichstag in ſeinen Landen die Verbreitung der reformatoriſchen Schriften und den Uebertritt zur neuen Lehre mit aller Strenge. Aber gleichwohl denn wer kann den Geiſt der Wahrheit binden oder abſperren? waren in kurzer Zeit viele ſeiner Unterthanen An⸗ hänger der evangeliſchen Lehre geworden, und ſelbſt die, welche ihm am nächſten ſtanden, ſeine Gattin und ſeine Söhne, neigten ſich ihr zu, wenn ſie auch aus Furcht vor des Vaters ſtrengem Gebot ſich nicht ſogleich öffentlich zu ihr bekannten. Nach Joachims Tod i. J. 1535 verbreitete ſich die Reformation wie ein befruchtender Strom durch ganz Brandenburg hin: die Klöſter gingen nach und nach ein, da keine Novizen mehr angenommen wurden; die Beſitzthümer derſelben wurden eingezogen und zu milden Stiftungen, beſonders zu Errichtung von Schulen verwendet, und überall wurden auf Antrieb des Kurfürſten Schulen und andere Bildungsanſtalten neu begründet. So kehrte zugleich mit der Reformation die Förderung geiſtiger Bildung in den Marken ein, und Brandenburg, das bis dahin an Bildung den übrigen deutſchen Ländern weit nachſtand, hatte das Verſäumte bald nachgeholt. Dieſe Erweckung des ganzen geiſtigen Lebens iſt nicht der geringſte Segen, den ihm der Proſtetan⸗ tismus gebracht hat; ihre Wirkung war ſo groß, daß jetzt das preußiſche Volk in Hinſicht auf das Maß ſeiner Bildung, mag man dabei hinblicken auf die Verbreitung durch alle Klaſſen der Bevöl⸗ kerung, oder auf den Umfang und die Tiefe der wiſſenſchaftlichen Leiſtungen, keinem andern Volke nachſteht, bei weitem den meiſten um eine große Strecke vorausgeeilt iſt.

Die Vertretung der Intereſſen des Proteſtantismns hatte in erſter Linie Sachſen geführt; daß ſie von dieſem an Preußen überging, geſchah aus mehr als einer Urſache. Zunächſt war es das hohe perſönliche Anſehen des großen Kurfürſten und die wachſende Macht des brandenburgiſch⸗preu⸗ ßiſchen Staates, der bald durch den Königstitel einen neuen Glanz erhielt. Die Macht aber war hier, wo es ſich gar oft um wirkſame und nachdrückliche Sicherung gegen Angriffe und Beeinträch⸗ tigungen von gegneriſcher Seite handelte, von hoher Wichtigkeit. Dazu kam, daß Friedrich Wilhelm ſelbſt, der ebenſo wie ſeine Gemahlin, Luiſe Henriette, die Verfaſſerin geiſtlicher Lieder, darunter des trefflichen Liedes: Jeſus meine Zuverſicht, von frommer und echt proteſtantiſcher Geſinnung erfüllt war, auch durch ſeine Religioſität vor andern dieſes Berufes werth war. Dagegen hatte ſich von dem ſächſiſchen Fürſtenhauſe gerade die mächtigſte Linie kurz vor dem Ende des 17. Jahrhunderts dem Proteſtantismus entfremdet und war zur latholiſchen Kirche übergetreten⸗ Wie lebhaft aber die Theilnahme war, mit der der große Kurfürſt ſich ſeiner proteſtantiſchen Glaubensbrüder annahm, das bewies er auch damals, als er denſelben über die Grenzen Deutſchlands hinaus die Hand reichte, indem er die franzöſiſchen Reformierten, die Ludwig durch gewaltſame Bekehrungsverſuche und Bedrückungen, die um ſo härter waren, da auch das Verbot der Auswanderung hinzukam, eine Zu⸗ flucht bot. Er war der erſte Fürſt, der den Unglücklichen mit thätiger Hülfe entgegenkam: durch eine öffentliche Bekanntmachung lud er ſie geradezu ein, in ſein Land zu kommen; er ließ ihnen darin