Aufsatz 
Drei Schulreden. 1) Rede zur Feier des 50. Gedenktages der Schlacht bei Leipzig, gehalten am 17. Okt. 1863. 2) Rede, gehalten am 31. Okt. 1867 bei der 50jährigen Jubilarfeier der Gründung des Gymnasiums und dem Amtsjubiläum des Schreib- und Zeichenlehrers Storck. 3) Rede, gehalten am 22. März 1870 bei der Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs / Heinrich Rieß
Entstehung
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Wenn ſo das Geburtsfeſt Sr. Majeſtät unſeres Königs von ſelbſt unſere Gedanken auf die großen Verhältniſſe lenkt, in die wir, vor Kurzem noch Bürger eines Staates von ſehr mäßigem Um⸗ fang, durch eben dieſen König eingetreten ſind: ſo wird es nicht unangemeſſen ſein, die Worte, welche ich für unſere Schule zur Feier dieſes Geburtsfeſtes zu ſagen habe, auf dieſe Gedanken zu beziehen, und da die ganze Fülle derſelben viel zu groß und verſchiedenartig iſt, als daß ſie ſich mit dem Rahmen einer Schulrede umſpannen ließe, wenigſtens einen Theil derſelben zum Gegenſtande meines Vortrags zu machen. Aber nicht über die noch ſchwankenden Bewegungen unſerer Tage, über die das Urtheil ſich noch nicht geklärt und befeſtigt hat, ziemt ſich an dieſer Stelle und vor jugendlichen Zu⸗ hörern zu reden; auf das Vergangene will ich zurückſchauen, das wir mit unbeſtochenem Blick und durch keine Leidenſchaften beirrt, betrachten können, und will daraus die Frage zu beantworten verſuchen, was Deutſchland dem preußiſchen Volk und Staat, was es den preußiſchen Regenten zu verdanken gehabt hat. Es iſt dabei meine Abſicht, ebenſowenig wie in die unmittelbare Gegenwart in das Dunkel weit hinter unſeren Tagen liegender Jahrhunderte zurückzugreifen, mich vielmehr innerhalb des Gebietes zu halten, das nach der einen Seite durch die mit dem Beginne des 16. Jahrhunderts an⸗ hebende neue Zeit, nach der anderen durch den Abſchluß der Freiheitskriege, durch welche das ſich ſelbſt entfremdete Deutſchland ſich zurückgegeben wurde, begränzt wird.

Die nothwendige Grundlage und Bedingung aller Güter und Vorzüge, deren ein Volk ge⸗ nießen kann, iſt die Wahrung ſeiner Freiheit und Selbſtſtändigkeit. Und wodurch wird dieſe erreicht? Nicht durch die kleinen Mittel und Künſte, in denen man oft die höchſte Staatskunſt hat erkennen wollen, nicht durch die Einleitung und ſchlaue Formulierung von Verträgen, nicht durch die Knüpfung politiſcher Heirathen und Verſchwägerungen mit mächtigen Regentenhäuſern, nicht durch Urkunden und Pergamente, mögen auch noch ſo viele Siegel daran hängen: ſondern allein durch die Geſundheit und Tüchtigkeit eines Volkes und den entſchloſſenen Willen, fremder Unbill mit Feſtigkeit entgegen⸗ zutreten. Dieſe Eigenſchaften hat Preußen in gefahrvollen Lagen mehr als einmal bewährt und nicht blos zur Behauptung und Erhöhung ſeiner eigenen Stellung, ſondern eben ſo wohl für ſeine Ver⸗ bündeten und Stammesgenoſſen zum Beſten unſeres geſammten deutſchen Vaterlandes geltend gemacht.

Die ungünſtige Entwickelung der inneren Verhältniſſe des deutſchen Volkes und die anmaßlichen Gelüſte ſeiner Nachbarn, beſonders ſeiner weſtlichen Nachbarn, haben uns im 16. und 17., und ſelbſt noch in unſerem Jahrhundert ſchwere Anfechtungen gebracht und tiefe Wunden geſchlagen. Wie ſchmählich gingen die feſten Plätze in Lothringen, einſt eine Schutzmauer deutſcher Marken, verloren; wie beklagenswerth war der Verluſt des geſegneten Elſaß, das nach dem unglücklichen 30 ährigen Kriege als ein Beuteſtück in fremden Händen blieb; wie kränkend war der verrätheriſche Ueberfall, durch den Ludwig XIV. ſich Straßburgs bemächtigte; wie empörend die Gier, mit welcher derſelbe König die Hand nach andern Theilen des deutſchen Reiches ausſtreckte! Und wie nahm man das auf in Deutſchland? An der Stelle, woher der Schutz ausgehen ſollte, an dem kaiſerlichen Hofe, war keine oder nur eine ungenügende, zögernde Hülfe zu erlangen; von den deutſchen Fürſten waren die meiſten gleichgültig gegen das, was ſie nicht unmittelbar ſelbſt betraf, manche ſogar durch vor⸗ geſpiegelte Hoffnungen oder durch Beſtechung ihrer einflußreichſten Rathgeber in das ſrende Intereſſe