Aufsatz 
Drei Schulreden. 1) Rede zur Feier des 50. Gedenktages der Schlacht bei Leipzig, gehalten am 17. Okt. 1863. 2) Rede, gehalten am 31. Okt. 1867 bei der 50jährigen Jubilarfeier der Gründung des Gymnasiums und dem Amtsjubiläum des Schreib- und Zeichenlehrers Storck. 3) Rede, gehalten am 22. März 1870 bei der Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs / Heinrich Rieß
Entstehung
Einzelbild herunterladen

15

eines reinen chriſtlichen Sinnes und eines gottesfürchtigen Lebens. Der dritte Säecnlartag der Re⸗ formation, überall, wo proteſtantiſche Gemeinden waren, gefeiert, hatte die ebenſo tief innige und glaubensfeſte, wie kühne und gewaltige Heldengeſtalt Luthers lebhaft vor die Augen geſtellt, hatte ſein ganzes Wirken, ſeine Lehre und die Fülle des Segens, die von ihm ausgegangen iſt, neu vergegenwürtigt. Konnte da eine Erhebung der Gemüther zu heiligen Vorſätzen, im Sinn und Geiſt des großen Re⸗ formators zu leben und zu lehren, ausbleiben? Wahrlich, die Herzen hätten ſtumpf und höherer Regung unfähig, die Männer, die ihr Lehramt damals antraten, hätten ihres Berufes unwerth ſein müſſen, wenn dieſer Gedanke ſie nicht ergriffen, erfüllt und begeiſtert hätte. Es durften das aber nicht flüchtige Regungen eines gerührten Herzens ſein denn welchen Werth haben ſolche Empfin⸗ dungen, mögen ſie an ſich auch noch ſo löblich ſein, wenn ſie nicht dauernd in den Willen und die That übergehen? ſie mußten nachhaltig wirken, daß die Schule auf dem unerſchütterlichen Boden lauteren Chriſtenthums, auf den ſie an ihrem erſten Tage geſtellt worden, unverrückt beharre. Was wäre denn auch mit allen Uebungen des Scharfſinnes, mit aller Ausbildung des Geſchmackes und des Witzes, mit aller Bereicherung des Gedächtniſſes gewonnen, wenn nicht damit die Ehrfurcht vor dem Heiligſten und Höchſten und ein durch den Glauben an Gott und ſeine heiligen Offenbarungen befeſtigter Sinn verbunden iſt? Wo wäre das Gymnaſium, das dieſe Pflicht ablehnen oder ihre Erfüllung als etwas Nebenſächliches behandeln dürfte? Es iſt alſo nichts, was dieſer Anſtalt eigen⸗ thümlich wäre; aber nicht viele Schulen ſind, denen gleich der unſrigen ſchon durch den Zeitpunkt ihrer Entſtehung dieſe Pflicht ſo nahe gelegt und gleichſam in das Herz eingegraben worden wäre.

Sehen wir endlich die Umſtände an, welche den Anlaß zur Gründung des Gymnaſiums gegeben haben; auch ſie ſind bedeutungsvoll, ſie fügen zu der Wiſſenſchaftlichkeit und der Religiöſität, auf die Ort und Zeit hinführten, ein drittes kaum minder wichtiges Stück: die Liebe zu Fürſt und Vaterland. Ich will nicht die trübe Zeit und die beklagenswerthen Zuſtände ſchildern, die wenige Jahre vor der Gründung über einem großen Theile von Deutſchland, und nicht am wenigſten über dem, welchen wir bewohnen, gewaltet hatten: Frankreichs Grenzen bis an den Rhein, ja im Norden bis an die Oſtſee ausgedehnt, in Süddeutſchland die Rheinbundſtaaten dem Eroberer dienſtbar, in unſerer Gegend ein Königreich unter einem franzöſiſchen Gebieter in dieſen wenigen Zügen ſpiegelt ſich das tiefe Elend, in dem unſer Vaterland damals lag. Aber es folgte jene glorreiche, von Preußen ausgchende Erhebung, die alle Herzen mit fortriß; es folgte die Veſiegung, die Verfolgung, die Abſetzung und Verbannung des Unterdrückers; es folgte die Rückkehr der ihrer Länder beraubten Fürſten, unter ihnen auch unſeres damaligen Landesherrn, des vertriebenen Kurfürſten von Heſſen. Da athmeten alle wie nach der Abnahme ſchwerer Feſſeln auf; jedem ſchien nach der Entfernung des aufgedrungenen Königs von Weſtfalen das Vaterland neu geſchenkt, und wie die Entbehrung einer Sache deren Werth recht fühlbar macht, ſo wurde man damals inne, wie feſt ein deutſches Herz mit allen Faſern an ſeinem Vaterland hänge. Die Freude über die wiedergewonnene Freiheit des Vaterlandes und die feurige patriotiſche Erhebung der Gemüther ſchlugen, wenn auch ruhiger und gemäßigter, damals noch immer ihre Wellen, als dieſe Schule aufgethan wurde, und ſie, deren Gründung nur dadurch möglich geworden war, daß jene Wellen die verhaßte Fremdherrſchaft weg⸗