Aufsatz 
Drei Schulreden. 1) Rede zur Feier des 50. Gedenktages der Schlacht bei Leipzig, gehalten am 17. Okt. 1863. 2) Rede, gehalten am 31. Okt. 1867 bei der 50jährigen Jubilarfeier der Gründung des Gymnasiums und dem Amtsjubiläum des Schreib- und Zeichenlehrers Storck. 3) Rede, gehalten am 22. März 1870 bei der Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs / Heinrich Rieß
Entstehung
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Denn an welchen Ort war ſie geſtellt? Waren es nicht dieſelben Räume, dieſelben Lehr⸗ ſäle, welche kaum 7 Jahre zuvor noch der Univerſität angehört hatten? Und mußte nicht die Er⸗ innerung an dieſe, an deren Stelle zu treten das Gymnaſium berufen war, von ſelbſt auffordern, die Liebe zu gründlicher Erkenntniß, den Geiſt wiſſenſchaftlichen Strebens und die Richtung auf jene tiefe, echte und prunkloſe Bildung, die ganz beſonders dem deutſchen Weſen angemeſſen iſt, von neuem hier heimiſch zu machen? Ja mußte nicht die tiefere Stelle, welche das Gymnaſium im Vergleich zur Univerſität einnahm, ein Sporn ſein, durch geſteigerte Energie und erhöhte Leiſtungen zu erſetzen, um wieviel die neue Anſtalt der älteren Schweſter an Rang und Glanz nachſtand? Allezeit ſind die deutſchen Univerſitäten Hüterinnen der edelſten Schätze geweſen, die der menſchliche Geiſt zu Tage gefördert hat; allezeit iſt von ihnen ein mächtiger Strom geiſtigen Lebens ausgegangen, der die heilſamſten Wahrheiten, die wirkſamſten Einſichten, die tiefſten Ideen nicht blos denen, welche eine akademiſche Bildung genoſſen, zuführte, ſondern durch dieſe auch über weitere Kreiſe verbreitete und in tauſend Kanälen durch das praktiſche Leben und ſeine verſchiedenen Geſtaltungen rinnen ließ. Freilich Gymnaſien ſind keine Univerſitäten; aber nicht minder als dieſe ſollen ſie auf wiſſenſchaft⸗ lichem Boden ruhen, wiſſenſchaftlichen Sinn wecken, auf wiſſenſchaftliche Thätigkeit abzielen, und die Univerſitäten würden wenig ausrichten können, ihre geiſtvollſten und gelehrteſten Vorträge würden auf unfruchtbaren Boden fallen, würden nur taube Aehren hervorbringen, wenn nicht in den Seelen der Jünglinge, welche die Gymnaſien ihnen zuſenden, der ernſte Wiſſenstrieb erweckt, der Blick auf die höchſten Ideale gelenkt und die geiſtige Kraft durch methodiſche Uebungen an dem edelſten und vollkommenſten Gedankenſtoffe zum freien und ſelbſtändigen Gebrauche befähigt würde. Der Weg durch die Werke des klaſſiſchen Alterthums, wenn er nur nicht pedantiſch und einſeitig, namentlich nicht mit unbilliger Vernachläſſigung der mathematiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Bildung verfolgt wird, hat ſich zu allen Zeiten als der förderlichſte bewährt und wenn auch ſcheinbar auf einem Umwege am frühſten und ſicherſten zu dem Ziele geiſtiger Thätigkeit und productiver Kraft geführt. Nicht allein, daß die Geſetze des Denkens in den Geſetzen der Sprache, die ja nur Ausdruck und Abbild der Gedanken iſt, am beſten erkannt und geübt werden; es haben auch die beiden klaſſiſchen Völker des Alterthums in ihrer Sprache, in ihrer Kunſt, in ihrer Wiſſenſchaft nicht minder als in ihren Staatseinrichtungen, ihren Geſetzen, ihrer Rechtsbildung, kurz in ihrem ganzen Culturleben Schöpfungen hinterlaſſen, an denen unſere in vielen Stücken weiter vorgeſchrittene Zeit die Grund⸗ normen für jede höhere Thätigkeit ſtudieren und die aus der richtigen Maßhaltung entſpringende Klarheit und Geſundheit des Schaffens lernen und ſich zum Vorbild nehmen kann. Auf dem Wege dieſer Studien wird die Ingend zugleich mit den Quellen aller Cultur bekannt und erlangt die Kennt⸗ niß der alten Sprache, die bis in das vorige Jahrhundert das ausſchließliche Organ aller Wiſſen⸗ ſchaft war, und in ihr den Schlüſſel zu dem, was die größten Geiſter in allen Fächern gedacht, er⸗ forſcht und überliefert haben, den Schlüſſel nicht allein zum Verſtändniß der Vergangenheit, ſondern auch zur richtigen Würdigung der aus ihr geborenen Gegenwart.

Und wie der Ort, der dieſer Schule angewieſen war, eine ſtete Mahnung zu wiſſenſchaftlichem Streben in ſich trug, ſo wies der Tag, auf welchen die Eröffnung angeſetzt wurde, auf die Pflege