Aufsatz 
Drei Schulreden. 1) Rede zur Feier des 50. Gedenktages der Schlacht bei Leipzig, gehalten am 17. Okt. 1863. 2) Rede, gehalten am 31. Okt. 1867 bei der 50jährigen Jubilarfeier der Gründung des Gymnasiums und dem Amtsjubiläum des Schreib- und Zeichenlehrers Storck. 3) Rede, gehalten am 22. März 1870 bei der Feier des Geburtstages Sr. Majestät des Königs / Heinrich Rieß
Entstehung
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und dem, was aller Herzen erfüllte, in ſeinen Liedern Wort und Stimme lieh. Er hatte die Er⸗ hebung des deutſchen Geiſtes geſehen, den Sieg der deutſchen Waffen zu ſehen war ihm nicht ver⸗ gönnt. Aber was er geſungen, klang auch bei Leipzig in den Herzen fort und tönt heute noch mäch⸗ tig nach, ein herrliches Zeugniß für ihn und ſeine Zeit. Im Dienſte dieſer patriotiſchen Begeiſterung erhielt die Kraft und Tüchtigkeit des Leibes, erhielt der Muth und die Tapferkeit ihre Weihe. Die Liebe zum Vaterland, die Begeiſterung für Deutſchlands Unabhängigkeit und Ehre, Ruhm und Macht war es, die das Große gewirkt, die das deutſche Leben neu geboren hat. Ein Hauch derſelben weht in der Erinnerung an jene großen Tage zu uns herüber; wer möchte ſich ſeines Einfluſſes erwehren, wer ſein Herz davor verſchließen? Wer fühlte ſich, von dieſem Hauche berührt, nicht zu dem Gelübde angetrieben, treu und hingebend dem Vaterland zu dienen, dem Vaterland ſeinen Arm, ſein Blut, ſeine Kräfte, ſein Leben zu weihen? Aber andere Zeiten fordern andere Dienſte: inmitten des Frie⸗ dens geboren und erwachſen, hineingeſtellt in eine friedliche Umgebung kann unſere Jugend nicht dadurch ihren patriotiſchen Sinn zeigen, daß ſie zu den Waffen greift und zum Kampfe gegen aus⸗ wärtige Feinde auszieht, ſondern nur dadurch, daß ſie ſich zu treuen, tüchtigen, nützlichen Bürgern heranbildet und den Platz, auf welchen ſie gewieſen iſt, in fleißigem und gewiſſenhaftem Streben ausfüllt, daß ſie die Achtung vor dem Geſetz, unter das wir geſtellt ſind, die Ehrfurcht vor dem Fürſten, der über uns geſetzt iſt, unverbrüchlich bewahrt. Nicht zu ſterben für das Vaterland ver⸗ langt der Friede von uns, ſondern für daſſelbe zu leben: minder glänzend und ruhmbringend, aber nicht minder nützlich und ſegenbringend. Sollten aber jemals Zeiten wiederkehren, in denen unſere Grenzen bedroht, die Unabhängigkeit unſeres Volkes gefährdet, ſeine Ehre angetaſtet wird: dann wird auch unſere Jugend nicht zaudern, mit ihren Leibern einen unzerbrechlichen Wall um die edelſten Güter des Vaterlandes zu bauen und mit Gut und Leben für ihren Schutz einzuſtehen.

Mit der Schlacht bei Leipzig ging der Stern des Mannes unter, der bis dahin die Welt in Schrecken gehalten hatte. Als er über den Rhein zurückeilte, rührte und regte ſich hinter ſeinen Schritten, was in Deutſchland unter der Wucht ſeiner Hand darnieder gelegen hatte. Schon vor Leipzig hatten ſich deutſche Truppen ſeinem Befehle entzogen und waren in die Reihen ihrer Lands⸗ leute übergetreten. Jetzt ſtob der Rheinbund auseinander, der König von Weſtfalen entwich in eiliger Flucht, und nach 7jähriger Abweſenheit kehrte der Kurfürſt von Heſſen unter dem enthuſiaſtiſchen Jubel ſeines Volkes in das Land ſeiner Väter zurück. So knüpft ſich für uns an die leipziger Schlacht nicht blos das Ende der allgemeinen Erniedrigung Deutſchlands, ſondern auch der Sturz der aufge⸗ drungenen Herrſchaft jenes frivolen Fremdlings, der die Pflichten ſeiner Regierung nicht ernſter als die leichtfertigen Scenen eines Maskenballes anſah, und zugleich die Wiedervereinigung mit dem alten, angeſtammten, von ſeinen Unterthanen innig zurückerſehnten Landesherrn.

Frei von fremder Gewalt konnte nun deutſches Leben und deutſcher Geiſt ſeiner eigenen Natur folgen und die in ihm ruhenden Keime zur Entfaltung bringen. Wenn jetzt deutſche Sitte und Art noch beſteht; wenn der Wohlſtand gedeiht, Künſte und Wiſſenſchaften unter uns blühen, Bürgerſinn in den Herzen lebt, und wir uns freudig als Glieder eines großen, freien Vaterlandes fühlen dürfen wem anders verdanken wir es, als den Siegern bei Leipzig?