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des Alltagslebens zu reinigen und die Welt und das Leben von einer höheren Warte aus anzuſchauen, ſo daß alles Kleine und Schlechte ihm auch wirklich klein und ſchlecht erſcheint. Er kann ſich frei machen von den Erbärmlichkeiten des Lebens, von den äußeren Verhält⸗ niſſen, die ihn beengen, wenigſtens auf Zeit. Er kann ſich aber auch mehr und mehr frei machen von den eigenen Leidenſchaften, die ihn knechten, und ſich ſelber das Geſetz des Lebens geben. Und wenn ſeine Kräfte im Streben ermatten, dann vermag das An⸗ ſchauen der Ideale, der hohen erſtrebten Ziele, ihn wieder zu ſtärken und ihm Friſche und Kraft zu verleihen, weiter zu ſtreben und zu kämpfen.
Daß bedeutende Kunſteindrücke das beſte Mittel ſind, Widerſprüche in der menſch⸗ lichen Natur auszugleichen und der Seele die Richtung auf das Große und Edle zu geben, davon war Schiller überzeugt. AÄhnlich urteilte Goethe. Von der Anſchauung der Natur und der Kunſtwerke Italiens erhoffte er für ſich Ausweitung des Geiſtes und auch Ein⸗ fluß auf die Sittlichkeit. Alles Kleinliche, meinte er, müſſe dadurch für immer aus ſeinem Innern getilgt werden.
So hat uns Schiller den Weg von der Kunſt zur Sittlichkeit, vom Schönen zum Guten gezeigt. Sein Ideal iſt der Menſch, bei dem alle Kräfte harmoniſch ent⸗ wickelt ſind, ſo daß die Ganzheit des Weſens ungehindert in die Erſcheinung tritt, der Menſch, der unabhängig von äußern Dingen und von den eigenen Leidenſchaften ſich ſein Leben ſelber geſtaltet zur freien Darſtellung der Perſönlichkeit. So iſt Schiller der Apoſtel des Idealismus geworden.
Nicht viele können eine ſolche Höhe des Menſchentums erreichen; das wußte er ſehr wohl; aber von den Gebildeten verlangt er, daß ſie nach ſolcher Idealität ſtreben und auf die große Menge zu wirken ſuchen.
Schiller glaubte, das deutſche Volk ſei zur Erfüllung idealer Aufgaben beſonders geeignet. Er hielt viel von ſeinem Volke, ſo ſehr es damals auch gedemütigt war. Darüber gibt uns eine Dichtung Aufſchluß, die wahrſcheinlich nach dem Frieden von Lüneville in Angriff genommen, aber nie zu Ende geführt worden iſt. Der Gedanken⸗ gang dieſer unter dem Titel„Deutſche Würde“ veröffentlichten Dichtung iſt folgender:
Ruhmlos geht der Deutſche aus dem gegenwärtigen Kriege hervor. Zwei über⸗ mächtige Völker ſetzen den Fuß auf ſeinen Nacken und beſtimmen ſein Geſchick. Er ſteht ſchweigend beiſeite und muß zuſehen, wie ſie die Erde teilen. Und doch darf er ſein Haupt erheben und mit Selbſtgefühl auftreten in der Reihe der Völker. Denn was ſeinen Wert ausmacht, hat er nicht verloren, Deutſches Reich und deutſche Nation ſind eben zweierlei Dinge. Deutſchlands Majeſtät und Ehre ruht auf ſeinen Bürgern, ſie bilden den Kern der Nation. Der Deutſche hat ſich ſeinen eigenen Wert gegründet, der von den politiſchen Schickſalen unabhängig iſt. Er hat ſich längſt über ſeinen politiſchen Zuſtand emporgehoben, und ſelbſt wenn das römiſche Reich unterginge, bliebe die deutſche Würde unangefochten. Sie iſt eine ſittliche Größe, wohnend in der Kultur und dem Charakter der Nation, ein geiſtiges Reich, das ſich immer feſter und vollkommener ge⸗ bildet hat, während das politiſche Reich wankte. Die geiſtige Bildung, dazu die herrliche Sprache werden das deutſche Volk zum erſten der Völker machen, und ſeine Sprache


