wird die Welt beherrſchen. Mag der Franke ſich mit ſeinen kriegeriſchen Lorbeeren brüſten, der Brite mit ſeinen Flotten die Meere beherrſchen, die geiſtige Führerſchaft wird den Deutſchen bleiben. Der Deutſche ſoll durch ernſte Arbeit an ſeinem eigenen Weſen die Menſchheit in ſich zur vollendetſten Ausbildung bringen. Alles, was bei andern Völkern Großes und Schönes blühte oder blüht, ſoll er zu einem Kranze vereinen, auf⸗ bewahren und wirkſam machen. Er iſt der berufene Träger der Humanität, der Kern der Menſchheit. Mögen die andern Völker den Kampf um zeitliche Macht kämpfen, der Deutſche iſt nicht dazu beſtimmt, im Augenblick eine Rolle zu ſpielen; ihm iſt beſtimmt, den großen Prozeß der Zeit zu gewinnen. Jedem Volke ſtrahlt einmal ſein Tag in der Geſchichte; des Deutſchen Tag wird ſcheinen, wenn die Strahlen der Menſchheit bei den einzelnen Völkern ſich zu dem ſchönen Bilde der Menſchheit vereinigen. Sein Tag iſt die Ernte der ganzen Zeit.
Wir ſehen: Bei Schiller iſt der Humanitätsgedanke verbunden mit Vaterlands⸗ liebe. Der Deutſche ſoll ſein eigenes Weſen wahren, aber dasſelbe durch Aufnahme fremder Bildungselemente reicher ausgeſtalten und zu höherer Stufe emporheben.
Wenn Schiller auf eine ſtaatliche Einigung der deutſchen Stämme nicht rechnete, ſondern ſeine Hoffnung auf eine möglichſt hohe geiſtige Kultur ſetzte und meinte, dieſe werde das deutſche Volk auf den Höhepunkt der Entwickelung bringen, ſo hängt das mit dem damals verbreiteten Humanitätsideal zuſammen und iſt andererſeits durch den jämmerlichen Zuſtand der politiſchen Verhältniſſe zu entſchuldigen; aber darin irrte er ſicher, daß er meinte, die deutſche Nation könne ohne politiſche Einheit und kriegeriſche Stärke inmitten der ſie von allen Seiten bedrohenden Völker beſtehen bleiben. Nur das iſt richtig an ſeinem Gedanken, daß die Sprache und die Kultur ein Einheitsband um alle Deutſchen ſchlingt, auch wenn ſie ſtaatlich voneinander getrennt ſind.
Heute iſt das deutſche Volk einig und ſtark und nimmt eine geachtete Stellung unter den Völkern der Welt ein. Es hat weit mehr erreicht, als der Dichter je zu hoffen wagte; aber freilich nur auf politiſchem, nicht auf kulturellem Gebiete. Darum gilt es jetzt, über der Sorge um die Erhaltung der Machtſtellung nicht die Pflege der geiſtigen Güter zu vergeſſen und das hohe Ziel, das Schiller den Deutſchen geſtellt hat, nicht aus den Augen zu laſſen. Der Zug zum Idealen iſt unſerm Volke nun einmal tief eingepflanzt, und wir ſollen uns ſeiner nicht ſchämen; denn er iſt unſer beſtes Teil. In den beſonderen Eigenſchaften des Nationalcharakters beſitzt ein Volk ja das allgemeinſte und bleibendſte Gut, und in ihnen liegt ſeine Stärke. Das hat Ohm Krüger auch gewußt. In dem politiſchen Teſtament, das bei ſeinem Begräbnis vorgeleſen wurde, heißt es:„Wer eine Zukunft ſchaffen will, möge die Vergangenheit nicht aus den Augen verlieren. Darum ſuchet in der Vergangenheit alles Gute und Schöne, was in ihr zu finden iſt, geſtaltet danach euer Ideal und verſuchet, dies Ideal in der Zukunft zu verwirklichen.“
Es iſt nicht die rohe Gewalt, ſondern es iſt der Geiſt, dem die Herrſchaft zu⸗ fallen muß. Die Welt wird von Ideen regiert. Hat doch der größte Realiſt, der Ver⸗ ächter der Ideen, Napoleon, bekennen müſſen, daß ſein Sturz in erſter Linie nicht der


