Aufsatz 
Schiller und die Gegenwart. Vortrag
Entstehung
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In letzterem Werke ertönt die laute Anklage gegen die Verderbnis der oberen Geſell⸗ ſchaftsklaſſen. Es iſt der Schmerz um die mißhandelte Menſchheit, der dem jungen Dichter die Worte abzwingt; es iſt die Stimme des Gewiſſens, die auch hier ſpricht, nicht die der bloßen Begierde. DerDon Carlos iſt ein Proteſt der unterdrückten Völker gegen monarchiſchen und kirchlichen Despotismus. Hier iſt der Freiheitsgedanke ge⸗ mildert. An Stelle des titanenhaften Anſtürmens gegen die beſtehende Ordnung iſt die ruhige Macht des Humanitätsgedankens getreten. Nicht die Republik will Poſa ſchaffen, er will ſein Fürſtenideal verwirklichen, das Ideal eines Herrſchers, der Völkerglück und Fürſtengröße zu vereinigen verſteht. Nicht des Umſturzes bedarf es, ſondern der Ge⸗ dankenfreiheit, der Bildung, um die Menſchen dem idealen Ziele zuzuführen.

Dieſe Änderung der Sinnesweiſe hing zuſammen mit einer allgemeinen inneren Umwandlung, die um die Zeit des Aufenthalts in Dresden begann und Jahre lang in Anſpruch nahm. Schiller fühlte ſeine Unreife ſelber am beſten; er fragte ſich, ob er Einſicht und Kenntnis genug beſitze, um an andere ſittliche Forderungen zu ſtellen. Daß es ihm hier an vielem mangelte, darüber konnte ihn ſein Dichterruhm nicht täuſchen. Nun ſuchte er ernſtlich nachzuholen, was ihm an Wiſſen und Weisheit fehlte, und hier bewies er den heiligen Ernſt, den er von andern verlangte. Das Studium der Geſchichte ſchärfte ſeinen Sinn für die realen Kräfte im Leben der einzelnen Menſchen und der Völker; die Beſchäftigung mit der Kantſchen Philoſophie verlieh ihm geiſtige Klarheit, und zugleich begann die Formenſchönheit altgriechiſcher Dichtung ſeinem Streben nach einem künſtleriſchen Ideal eine neue Richtung zu geben.

Daneben wirkten auf die Entwickelung des Dichters die veränderten Lebens⸗ verhältniſſe: der Umgang mit edlen Frauen, die Liebe zu Charlotte von Langefeld und die Ehe, der Verkehr mit Goethe, die Berührung mit dem Weimariſchen Hofe. Er wurde ruhiger und maßvoller; der Feuerkopf und Schwärmer wurde zum kühlen Denker. Das zeigte ſich auch auf politiſchem Gebiete, und die franzöſiſche Revolution tat das übrige; ſie belehrte ihn über den Unterſchied von wahrer nnd falſcher Freiheit und brachte ihn zu der Überzeugung, daß die wahre Freiheit mit Sitte und Sittlichkeit verbunden ſein müſſe.

Nun hat man vom konſervativ und ariſtokratiſch gewordenen Schiller ge⸗ ſprochen, und ſo viel iſt daran richtig, daß ihm die politiſche Freiheit nichts galt ohne ſittliche Freiheit, ohne Ordnung und Geſetz. Er wollte nichts wiſſen von der Freiheit des politiſch Unerzogenen, der Freiheit des Sklaven, wenn er die Kette bricht, von der Majorität, bloß weil ſie Majorität iſt. Deſſenungeachtet blieb ihm die wohlverſtandene Freiheit, auch die politiſche, etwas Hohes und Heiliges. Das beweiſt der Briefwechſel mit dem Herzog von Auguſtenburg.

Noch in ſeinem letzten vollendeten Drama tritt das alte freiheitliche Ideal wieder auf; freilich ſieht es anders aus als in den Jugenddramen. Wir haben imTell die Selbſtbefreiung des Volkes, aber ſie iſt hier ſittlich begründet und wird in aller Ordnung durchgeführt.