Aufsatz 
Schiller und die Gegenwart. Vortrag
Entstehung
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bei der Vorſtellung einer abzulegenden Rechenſchaft nicht geängſtigt, ſondern er ſah das Auge des Weltenrichters freundlich auf ſich ruhen.

Die Reinheit ſeines Weſens hat Goethe ſtets uneingeſchränkt bewundert und mit

den Worten gekennzeichnet:

Und hinter ihm in weſenloſem Scheine

Lag, was uns alle bändigt, das Gemeine. In den Geſprächen mit Eckermann ſagt Goethe einmal ſcherzhaft:Schiller konnte gar nichts machen, was nicht immer bei weitem größer herauskam als das Beſte dieſer Neueren. Wenn er ſich die Nägel beſchnitt, war er größer als dieſe Herren.

Sein Leben war ein Leben in Ideen und dichteriſchen Bildern, und auf das Große und Erhabene ging die Richtung ſeiner Gedanken. Der Dienſt des Schönen war ihm immer mit dem des Edlen und Wahren verknüpft, und niemals iſt ihm die Kunſt ein leichtfertiges Spiel oder gar ein Mittel zur Berauſchung der Sinne geweſen.

Der Menſchheit Würde iſt in eure Hand gegeben, Bewahret ſie! lautet ſeine Mahnung an die Künſtler. Es war etwas von einem Seher, einem feurig predigenden Apoſtel in ihm, und dem entſprachen auch ſeine Geſichtszüge. Der Leipziger Verleger Göſchen ſchrieb 1823:Ich ſah in der Münchener Galerie die vier Apoſtel von Dürer und wurde ſonderbar dadurch bewegt. Meiſter Albrecht hat Geiſt genug gehabt zu be⸗ merken, daß Johannes von den vier Evangeliſten den mehrſten Dichtergeiſt hatte. Er gab deshalb dieſem Apoſtel den Kopf eines Poeten, und dieſen Kopf hat die Natur nach Jahrhunderten in einem großen deutſchen Dichter wieder hervorgebracht. Dieſer Dichter iſt Schiller, mit dem ich ehemals in einem Zimmer gewohnt habe und alſo behaupten kann und darf, daß die Ähnlichkeit des Johannes mit Schillern, wie er ſich im Leben gab, außerordentlich groß iſt.

Goethe hat noch in ſeinen letzten Lebensjahren in einem Briefe an Zelter den Freund verherrlicht. Es heißt da: Jedes Auftreten und Reden Chriſti geht dahin, das Höhere anſchaulich zu machen; vom Gemeinen ſteigt er hinauf, hebt er hinauf. Schillern war dieſe Chriſtusnatur eingeboren; er berührte nichts Gemeines, ohne es zu veredeln.

Auch der Freiheitsgedanke iſt ein beſonderes Merkmal des Schillerſchen Geiſtes. Er ſtammt aus dem energiſchen ſittlichen Willen des Dichters und geht durch alle ſeine Werke. Ungeſtüm, einer wilden Naturmacht gleich, loderte in den Jahren der Jugend ſein Feuergeiſt. Er hatte den heißen Drang, die Menſchen zu beſſern und ihnen zu helfen. Er konnte nicht alles, wie es war, vernünftig finden. Zürnend und ſtrafend wandte er ſich gegen alles Verkehrte, Unwahre, Heuchleriſche. Etwas vom Reformator ſteckte in ihm. SeineRäuber ſind eine Proklamation der Menſchenrechte, der individuellen Freiheit. Leidenſchaftlich ſind in dieſem Stücke die unſittlichen Zuſtände der Zeit gegeißelt. Aber man erſchöpft den Inhalt des Stückes nicht, wenn man es als Revolutionsdrama be⸗ zeichnet. Es liegt in ihm ein ernſter ſittlicher Gehalt; zeigt es doch, wie der Verſuch des einzelnen, ſich gegen die ganze Welt aufzulehnen, als Willkürakt notwendig ſcheitern und zum eigenen Unheil ausſchlagen muß. Auch in den folgenden Dramen handelt es ſich um die Freiheit; imFiesko iſt es die ſtaatliche, inKabale und Liebe die ſoziale.