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Die Jahre ſeines höchſten Strebens waren ein faſt beſtändiger Kampf gegen Krankheit und Tod. Aber durch die Krankheit ließ er ſich wenig in der Arbeit hindern, mit ungeheurer Willenskraft täuſchte er ſich und die Seinen über den krankhaften Zuſtand hinweg. Die Heiterkeit ſeiner Natur brach immer wieder durch, und Arbeit und Geſpräch ließen ihn Schmerzen und Todesgedanken vergeſſen.„Lernet von ihm,“ ſchrieb ſeine Gattin nach ſeinem Tode für die Kinder auf,„euch ſelbſt zu überwinden. Er war oft ſehr leidend, und doch gewöhnte ſich ſein Geiſt daran, über das körperliche Gefühl zu ſiegen. Er ergriff jeden Anlaß, ſeinen Geiſt zu beſchäftigen, und ſobald er das drückende Gefühl des Schmerzes überwinden konnte, erriet man aus ſeinen Geſprächen ſein Leiden nicht.“ Damit ſtimmt überein, was Humboldt berichtet:„Anhaltende Beſchäftigung des Geiſtes verließ ihn faſt nie und wich nur den heftigeren Anfällen des körperlichen Übels. Arbeit erſchien ihm Erholung, nicht Anſtrengung.“ Raſtlos vorwärts mußte er ſtreben; konnte er nicht denken und dichten, ſo war das Leben für ihn kein Leben. Nur unab⸗ läſſige Beſchäftigung vermochte den Sturm ſeiner Seele zu beſchwören, und ſie iſt ſeine treue Begleiterin geblieben bis ans Ende.
„Beſchäftigung, die nie ermattet,
Die langſam ſchafft, doch nie zerſtört; Die zu dem Bau der Ewigkeiten
Zwar Sandkorn nur auf Sandkorn reiht, Doch von der großen Schuld der Zeiten Minuten, Stunden, Jahre ſtreicht.“
„Die ganze Weisheit der Menſchen,“ ſagt Schiller einmal,„ſollte allein darin beſtehen, jeden Augenblick mit voller Kraft zu ergreifen und ihn ſo zu benutzen, als wäre es der letzte.“
Nie dachte Schiller daran, auf den errungenen Lorbeeren auszuruhen. Als er die„Jungfrau von Orleans“ beendet hatte, ſchrieb er an Körner:„Ich wünſchte wieder, in einer neuen Arbeit zu ſtecken; es iſt nichts als Tätigkeit auf ein beſtimmtes Ziel, was das Leben erträglich macht.“ Und kaum hatte er den letzten Federzug am„Tell“ getan, da beſchäftigte ihn bereits der Demetrius. Goethe hatte geradezu den Eindruck, daß die Idee der perſönlichen Freiheit ihn getötet habe; denn er habe dadurch Anforde⸗ rungen an ſeine phyſiſche Natur geſtellt, die für ſeine Kräfte zu gewaltſam waren.
Ein zweiter hervorſtechender Charakterzug in Schillers Weſen war ſeine ſittliche Hoheit, der Ernſt ſeiner ſittlichen Geſinnung. Auch dieſe war die Frucht eines uner⸗ müdlichen Ringens und einer bewußten Selbſterziehung. In den Jugendjahren ſchwankte er zwiſchen Glauben und Unglauben und durchkämpfte den Rieſenkampf zwiſchen Leiden⸗ ſchaft und Vernunft, bald kleinlich verzagend, bald himmelhoch jauchzend. Doch errang die edle Natur in ihm vollkommen den Sieg.
Das Gefühl der Verantwortlichkeit für die Verwendung der ihm verliehenen Kräfte beherrſchte ihn bis in die letzten Augenblicke. Wie erſt neuerdings bekannt ge⸗ worden iſt, richtete er ſich einige Stunden vor ſeinem Tode auf und ſprach mehrmals das Wort„judex“ aus, wobei ſein Blick freundlich war. Sein Bewußtſein war alſo


