Aufsatz 
Schiller und die Gegenwart. Vortrag
Entstehung
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an die Gründung eines eigenen Herdes dachte, empfand er es als doppelte Pflicht, ſich eine geſicherte Lebensſtellung zu verſchaffen. So nahm er denn die Profeſſur in Jena an und warf ſich mit eiſernem Fleiß auf das Studium der Geſchichte. Sie war ihm mehr als Brotwiſſenſchaft; ſie ſollte ihm den Wirklichkeitsſinn ſtärken, ſie ſollte ſeiner Phantaſie für künftige Dichtungen die nötigen Geſtalten geben. Doch war es nicht bloß die Beſchäftigung mit der Geſchichte und die Abfaſſung hiſtoriſcher Werke, die ihn jetzt von der Dichtung entfernte, ſondern auch das eifrige Studium Kants und die damit verknüpfte Gewinnung einer äſthetiſchen Theorie, die für ſein ſpäteres dichteriſches Schaffen die Grundlage abgeben ſollte. Auch hier ſpielte ſich ein Kampf ab, der darum nicht weniger anſtrengend und bedeutend war, weil er ſich in der geiſtigen Werkſtatt des Dichters abſpielte. Schiller fühlte das Bedürfnis nach einer Läuterung ſeines Geſchmacks, einer Klärung ſeiner Kunſtanſichten. Das Pathos ſeiner ſtürmiſchen Jugendpoeſie war ihm fremd geworden, er wendete ſich der Dichtung der alten Griechen zu, und die äſthetiſche Erziehung des Menſchen als Mittel zur ſittlichen Erziehung wurde jetzt ſein Kulturideal.

Nachdem der langſame Prozeß dieſer inneren Umwandlung vollzogen war, nahm Schiller als Künſtler die ſchaffende Tätigkeit wieder auf, und neben einer Fülle lyriſcher Erzeugniſſe reifte ſein Wallenſtein. Er hatte den Gipfel ſeines Lebens erſtiegen und herrſchte mit Goethe im Reiche der Literatur.

Doch auch das war nicht ohne Kampf abgegangen. Als Schiller nach Weimar kam, wollte er die Weimarer Rieſen, die ihn bisher ungeachtet gelaſſen hatten, zur An⸗ erkennung ſeiner Bedeutung als Dichter zwingen. Aber als er Gelegenheit fand, Goethe zu ſprechen, wurde ſeine Meinung von dem großen Manne heruntergeſtimmt, und beide traten ſich nicht näher. Schiller fühlte ſich hier zurückgeſtoßen und beleidigt. Sein Stolz bäumte ſich gegen eine ſolche Behandlung auf.Es gibt eine Sprache, ſagte er, die alle Menſchen verſtehen; gebrauche deine Kräfte. Wenn jeder mit ſeiner ganzen Kraft wirkt, ſo kann er dem andern nicht verborgen bleiben. Aber erſt nach mehreren Jahren kam es zur Ausſprache zwiſchen beiden Männern, und da fanden ſie ſich endlich, um für immer vereint zu bleiben. Und nun begann für Schiller die Zeit des reichſten, reichſten Schaffens. Bei beiden ſproßte jetzt, durch die gegenſeitige Teilnahme mächtig gefördert, die Dichtung wieder mit jugendlicher Kraft⸗in wunderſamem Reichtum auf.

Schiller ſtand auf der Höhe des Lebens. Aber ſchon lange zogen dunkle Wolken am Himmel auf; ſchon lange lauerte auf ihn ein tückiſcher Feind, das körperliche Leiden. Doch ſeine immer rege Schaffenskraft blieb ungebrochen, und nur die würdigſte Ausfüllung der Zeit war ſeine Sorge. Welch ein Held! Von dieſem letzten Lebensabſchnitte des Dichters gilt ja, was Goethe ſagt:Alle acht Tage war er ein anderer und vollendeterer. Jedesmal, wenn ich ihn wiederſah, erſchien er mir vorgeſchritten in Beleſenheit, Ge⸗ lehrſamkeit und Urteil. Er war ein prächtiger Menſch und bei völligen Kräften iſt er von uns geſchieden.

Ja, mitten im Schaffen mußte er ſcheiden. Aber dieſer frühe Tod erhöht noch den Eindruck des unendlichen Strebens, den ſein Leben macht.