Aufsatz 
Schiller und die Gegenwart. Vortrag
Entstehung
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unglückliche König enthauptet. Schiller war ganz entſetzt über dieſe Bluttat; lange konnte er keine franzöſiſche Zeitung leſen, ſo ekelten ihn die dortigen Zuſtände an.

In den politiſchen Anſchauungen des Dichters iſt ſeitdem eine Wendung wahr⸗ zunehmen. Ohne der Sache der Freiheit untreu zu werden, ſieht er doch je länger je mehr ein, daß die alten, feſten Ordnungen die Anker ſind, an denen die Staaten hängen. Im Brief an den Herzog von Auguſtenburg vom 13. Juni 1793 ſchreibt er:Ich bin ſo weit entfernt, an den Anfang einer Regeneration im Politiſchen zu glauben, daß mir die Ereigniſſe der Zeit vielmehr alle Hoffnungen dazu auf Jahrhunderte benehmen. In demſelben Briefe heißt es hinterher:Der Verſuch des franzöſiſchen Volks, ſich in ſeine heiligen Menſchenrechte einzuſetzen und eine politiſche Freiheit zu erringen, hat bloß das Unvermögen und die Unmündigkeit desſelben an den Tag gebracht und nicht nur dieſes unglückliche Volk, ſondern auch einen beträchtlichen Teil Europens, ja ein ganzes Jahrhundert in Barbarei und Knechtſchaft zurückgeſchleudert. Der Moment war der günſtigſte, aber er fand eine verderbte Generation, die ihn nicht wert war und weder zu würdigen noch zu benützen wußte. Der Gebrauch, den ſie von dieſem großen Geſchenk des Zufalls macht und gemacht hat, beweiſt unwiderſprechlich, daß das Menſchengeſchlecht der vormundſchaftlichen Gewalt noch nicht entwachſen iſt, daß das liberale Regiment der Vernunft da noch zu frühe kommt, wo man kaum damit fertig wird, ſich der bru⸗ talen Gewalt der Tierheit zu erwehren, und daß derjenige noch nicht reif zur bürger⸗ lichen Freiheit iſt, dem noch ſo vieles zur menſchlichen fehlt. Und weiter:In den niederen Klaſſen ſehen wir nichts als rohe, geſetzloſe Triebe, die ſich nach aufgehobenem Band der bürgerlichen Ordnung entfeſſeln und mit unlenkſamer Wut ihrer tieriſchen Befriedigung zueilen. Es war alſo nicht der moraliſche Widerſtand von innen, bloß die Zwangsgewalt von außen, was bisher ihren Ausbruch zurückhielt. Es waren alſo nicht freie Menſchen, die der Staat unterdrückt hatte, nein, es waren bloß wilde Tiere, die er an heilſame Ketten legte. Und weiter:Nur ſeine Fähigkeit, als ſittliches Weſen zu handeln, gibt dem Menſchen Anſpruch auf Freiheit; ein Gemüt aber, das nur ſinn⸗ licher Beſtimmungen fähig iſt, iſt der Freiheit ſo wenig wert als empfänglich. Politiſche und bürgerliche Freiheit bleibt immer und ewig das heiligſte aller Güter, das würdigſte Ziel aller Anſtrengungen und das große Zentrum aller Kultur. Aber man wird dieſen herrlichen Bau nur auf dem feſten Grund eines veredelten Charakters aufführen, man wird damit anfangen müſſen, für die Verfaſſung Bürger zu erſchaffen, ehe man den Bürgern eine Verfaſſung geben kann.

Danach kann man behaupten: Schiller war der Anſicht, daß ſeine Zeit für einen Verfaſſungsſtaat noch nicht reif ſei. Wie er von der großen Maſſe und ihrer politiſchen Befähigung dachte, bezeugt auch eine Votivtafel aus dem Jahre 1796. Dieſelbe lautet:

Majeſtät der Menſchennatur! Dich ſoll ich beim Haufen Suchen? Bei wenigen nur haſt du von jeher gewohnt.

Einzelne wenige zählen, die übrigen alle ſind blinde Nieten; ihr leeres Gewühl hüllet die Treffer nur ein.

Wichtiger als die Frage nach Schillers politiſcher Stellung iſt die Frage: Was hat Schiller uns heute noch zu bedeuten? Welches iſt das Vermächtnis, das er uns