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Für Schillers politiſche Stellung ſind beſonders häufig die Worte angeführt
worden, die er im„Demetrius“ dem Fürſten Sapieha in den Mund legt:
„Was iſt die Mehrheit? Mehrheit iſt der Unſinn,
Verſtand iſt ſtets bei wen'gen nur geweſen.“ Da ſieht man es deutlich, ſagt man, Schiller iſt ein Gegner des Parlamentarismus. Selbſtverſtändlich ſetzt man dabei voraus, daß in ſolchen markigen Worten einer dichte⸗ riſchen Geſtalt ſich die eigene Anſicht des Dichters ausſpreche. Dem gegenüber ſucht man mit Hilfe der Entwürfe und Proſanotizen zum Demetrius nachzuweiſen, daß jenes Veto des Fürſten Sapieha auf keinen Fall des Dichters politiſches Vermächtnis bilde. Seit dem Wallenſtein, wird zudem geltend gemacht, ſpreche Schiller überhaupt nicht mehr aus ſeinen Dramen; er ſei ausſchließlich befliſſen, ſeine Perſon ſo reden zu laſſen, wie er es für angemeſſen erachte; er verberge ſeine eigene Neigung; er wolle nur ſeiner Idee des reinen Kunſtwerks gerecht werden.
Dieſe Einwendungen ſind ganz richtig. Die betreffenden Worte berechtigen durchaus nicht zu einem Schluſſe auf die Anſicht des Dichters. Sie beweiſen nicht, daß Schiller ein Gegner des allgemeinen Stimmrechts war; aber ſie beweiſen auch nicht das Gegenteil.
Will man wiſſen, wie Schiller über dieſe Dinge dachte, ſo muß man ſich nach anderen Zeugniſſen umſehen, nach mehr perſönlichen AÄußerungen, wie z. B. in Briefen. Damit kann man dann Stellen aus Dichtungen unter Berückſichtigung der Abfaſſungs⸗ zeit, der Stimmung des Dichters und der geſchilderten Situation vergleichen. Vor allem aber iſt die ganze geiſtige Perſönlichkeit des Schriftſtellers in Betracht zu ziehen, will man ihm nicht eine Geſinnung unterſchieben, die mit ſeinem Weſen unvereinbar iſt.
Verſuchen wir das im vorliegenden Falle. Als Mann aus dem Volke war Schiller volksfreundlich und volkstümlich. Aber— wenigſtens in den Mannesjahren— zog er ſcharf die Grenze, die den Mann von Geiſt von der Demokratie des großen Haufens trennt. Neben aller Freiheitsliebe hatte er Sinn für wahren Adel und Herrſchergröße, wie ſchon der„Don Carlos“ zeigt. Er hatte eine ariſtokratiſche Weltanſchauung; freilich achtete er nicht Geburt oder Reichtum, ſondern nur innern Wert. Er war eine vornehme, auf ſich geſtellte Natur und hat überall den Adel der Perſönlichkeit und des Geiſtes geprieſen. Die Zerſtörung geſchichtlich gewordener Lebensformen hielt er für bedenklich, und ſcharf hat er die Art der Menge, ihre Herrſchaft für Freiheit auszugeben, gegeißelt.
Der franzöſiſchen Revolution brachte er anfangs reges Intereſſe entgegen; er glaubte, hier könnte der von ihm als Ideal hingeſtellte Vernunftſtaat verwirklicht werden. Dabei fürchtete er aber von Anfang an, die Franzoſen würden die Freiheit nicht ertragen können. Im Hinblick auf die franzöſiſche Nationalverſammlung äußerte er, von einer Geſellſchaft von 600 Menſchen könne nichts Vernünftiges beſchloſſen werden. Als König Ludwig XVI. gefangen ſaß, kam er auf den kühnen Gedanken, perſönlich einzugreifen. Er entwarf ein Schriftſtück, worin er die Gewalthaber vor dem Außerſten warnte. Doch kam es nicht zur Abſendung des Schreibens; am 21. Januar 1793 wurde der


