Aufsatz 
Schiller und die Gegenwart. Vortrag
Entstehung
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Auch die verſchiedenen politiſchen Parteien ſuchen Schiller als den Ihrigen hin⸗ zuſtellen. Der Freiſinn feiert ihn als Vertreter freier Ideen und Vorkämpfer der Menſchenrechte und findet beſonders in den Jugenddichtungen Stellen genug, die er für ſich anführen kann. Beliebte Schlagworte ſind hier:Ich kann nicht Fürſtendiener ſein undMännerſtolz vor Königsthronen. Die Sozialdemokratie behauptet, ſie erſt habe Schillers Geiſt ganz begriffen, und während das deutſche Bürgertum nur tönende Worte ſah, habe ſie in fruchtbare Tat umgeſetzt, was bei jenem Freiheitsdichter prophetiſche Ahnung geweſen ſei. Nur ihre Partei habe ein Recht, Schiller zu feiern. Bei ſolchen AÄußerungen wird hingewieſen auf die Worte:Alle Menſchen werden Brüder, wobei man die folgende Zeile überſieht, aus der doch deutlich hervorgeht, daß der Dichter ſagen will, das Gefühl der Freude überbrücke, ſo lange es von einer Gemeinſchaft empfunden werde, die größten Unterſchiede; damit wäre alſo die Verſchiedenheit der Menſchen betont, nicht ihre Gleichheit. Man ſtempelt den Dichter zum Revolutionär und macht dafür geltend, daß im Tell der Fürſtenmord verherrlicht werde. Dabei wird außer Acht gelaſſen, daß Geßlers Ermordung die Strafe für den unmenſchlichen Frevel am Vaterherzen iſt und daß es ſich für die Schweizer um die Vertreibung fremder Eindringlinge handelt und dieſe Handlung unter Einhaltung von Ordnung und Recht unternommen wird.

Andererſeits wird Schiller als Patriot und Vertreter der ſtaatlichen Ordnung dargeſtellt, und es fehlt nicht an Stellen, die ſich dafür anführen laſſen.An's Vater⸗ land, an's teure, ſchließ dich an.Nichtswürdig iſt die Nation, die nicht ihr alles freudig ſetzt an ihre Ehre.Heil'ge Ordnung... die das teuerſte der Bande wob, den Trieb zum Vaterlande.Wo ſich die Völker ſelbſt befrei'n, da kann die Wohl⸗ fahrt nicht gedeih'n.

Selbſt zum Antiſemiten hat man unſern Dichter machen wollen; auch führt man ihn für und gegen die moderne Frauenbewegung an.

Und wo liegt nun die Wahrheit? Um es gleich zu ſagen: Keine Partei hat das Recht, den Dichter für ſich in Anſpruch zu nehmen; durch ein Parteiprogramm läßt er ſich nicht binden. Natürlich hat er ſeine Anſichten über Staat und Politik gehabt, aber wenn auch gewiſſe Grundrichtungen in ſeinem Empfinden und Denken bleibend waren, ſo hat er doch eine Entwickelung durchgemacht; er hat als Mann über Gott und Welt, über Staat und Vaterland und Freiheit andere Anſichten gehabt als in den Jugend⸗ jahren. Dazu kommt, daß beim Dichter die Verſchiedenheit der Stimmung und des Gedankenkreiſes den Außerungen eine verſchiedene Färbung gibt. Der Dichter ſtellt das Ganze der Welt und des Lebens dar; er iſt imſtande, ſich auf jeden Standpunkt und in jede Stimmung zu verſetzen; beſonders im Drama, wo im Konflikt die Gegenſätze auf einander ſtoßen, werden naturgemäß über ein und dieſelbe Sache verſchiedene Anſichten geäußert. Darum geht es nicht an, eine Dichterſtelle aus dem Zuſammenhange zu nehmen und für den gewünſchten Zweck zu verwenden. Was ein dramatiſcher Held als ſeine Überzeugung ausſpricht, iſt darum noch nicht das Glaubensbekenntnis des Dichters. Aus den Werken eines großen Dichters läßt ſich ſo ziemlich für jede Meinung irgend ein Vers beibringen.