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zu bedeuten. Es iſt, als ob das deutſche Volk einen Anlauf nähme, die materialiſtiſche Lebensauffaſſung zu überwinden; es iſt, als ob ihm die Erkenntnis zurückkehrte, daß der Menſch ohne das Himmelsbrot der Ideale nicht leben und gedeihen könne. Wäre dem wirklich alſo, das wäre die höchſte Ehrung, die dem Dichter zu teil werden kann.
Männer aller Parteien haben ihm ihren Tribut dargebracht. Doch war dabei das eine auffallend, daß man auf verſchiedenen Seiten Goethes Wort„Er war unſer“ in allzu engem Sinne faßte. Es zeigte ſich das Streben, den großen Mann, den man feierte, für den eigenen Standpunkt, für die eigene Partei in Anſpruch zu nehmen. Auf dieſe Weiſe kam es, daß derſelbe als Ariſtokrat und Demokrat, als Chriſt und als Freigeiſt angeſprochen und als Vertreter irgendwelcher befangenen Parteianſchauung angerufen wurde.
Proteſtanten und Katholiken haben ihn gefeiert. Und wenn Schiller auch von katholiſchem Standpunkt kaum völlig gewürdigt werden kann und wenn es auch vorge⸗ kommen iſt, daß die zu Schulprämien beſtimmten Werke des Dichters gar nicht oder nur in verſtümmeltem Zuſtande zur Verteilung gelangten, ſo hat es doch auch nicht an Stimmen gefehlt, die dem Dichter gerecht zu werden oder ihn für die eigene Sache in Anſpruch zu nehmen ſuchten. So findet ein Benediktinerpater, daß Schillers Werke, wenn auch nur unmittelbar als hiſtoriſche Stoffbehandlungen, eine herrliche Apologie der katholiſchen Kirche ſeien. Ein Jeſuitenpater erkennt an, daß Schiller den gegen⸗ ſeitigen Anſchluß der beiden Konfeſſionen erleichtert habe.„Mit Dank und Liebe,“ ſagt er,„dürfen wir an ſeinem Ehrentage bei ſeinem warmen, edlen Idealismus verweilen, der die ſchönſten ſeiner Dichtungen zu einem eneutralen Boden geſtaltet, wo der alte konfeſſionelle Hader ſchweigt, Katholiken und Proteſtanten ſich gleichermaßen erfreuen und zu gemeinſamem Streben die Hände reichen können.“ Ein Wiener Redner ſpricht gar den Proteſtanten das Recht ab, Schiller als Wortführer des proteſtantiſchen Geiſtes im engeren Sinne anzuſehen. In zahlreichen Stellen ſeiner reifſten Dichtungen habe derſelbe die Geheimniſſe chriſtlichen, genauer beſtimmt katholiſchen Empfindens wahr und ſchön ausgeſprochen, und er habe für katholiſche Stimmungen und Gedanken einen wahreren und ergreifenderen Ausdruck gefunden, als die gläubigſten Poeten. Die Kunſt ſei ihrem Weſen nach eben mehr katholiſch als proteſtantiſch. Schillers dichteriſches Genie bewege ſich in der geiſtigen Welt des Katholizismus mit Vorliebe.
Gegen eine ſolche Auffaſſung hat man Einſpruch erhoben und betont, daß alle wahre Kunſt, ob ſie nun von Proteſtanten oder Katholiken geübt werde, ihre Wurzel im Reinmenſchlichen habe und ihr Haupt in die Höhen des Göttlichen emporhebe. Ueber Schillers religiöſen Standpunkt aber ſagt Sell in ſeinem Buche„Die Religion unſerer Klaſſiker“:„Keiner unſerer Klaſſiker ſteht in der Weltanſchauung dem überlieferten Chriſtentum ferner wie Schiller. Es iſt ihm nur noch eine großartige Erſcheinung der Geſchichte. Und kein Klaſſiker ſteht dem ſittlichen Sinne und dem Kern des Chriſten⸗ tums, dem Chriſtentum der Geſinnung, näher wie Schiller.“ Iſt das richtig, ſo ſteht
der Dichter allerdings auf proteſtantiſchem Boden.


