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Gefühl für die Wohlfahrt und Ehre des Vaterlandes gezeigt, und in herrlichen Dramen die Erhebung des Volks gegen die Fremdherrſchaft in ergreifender Weiſe dargeſtellt; aber er hatte doch auch wie viele der aufgeklärteſten Geiſter ſeiner Zeit der Idee des Weltbürgertums gehuldigt, dem der Begriff der Nation zu enge erſchien und die Aus⸗ bildung edlen Menſchentums ohne nationale Einſchränkung als höchſtes Ziel vorſchwebte. Zudem hatte Schiller die Anſicht gehabt und geäußert, deutſche Bildung und deutſche Würde könnten weiter beſtehen, wenn auch das Reich untergehe. Das war allerdings eine Denkweiſe, die den Siegern von 1870/71 unmöglich zuſagen konnte.
Dazu kamen andre Erſcheinungen im Volksleben, die die Herzen dem Dichter entfremdeten. Auf den großen Krieg folgte ein Aufſchwung des Handels und der Induſtrie, eine geſteigerte Wertſchätzung aller materiellen Güter, eine Überſchätzung des Realen und Praktiſchen, eine materialiſtiſche Lebensauffaſſung und dem entſprechend eine Geringſchätzung alles Idealen. Damit ſagte ſich ein anſehnlicher Teil des Volkes von Schiller los.
Von andrer Seite her arbeiteten die literariſchen Tagesſtrömungen der Geiſtes⸗ und Kunſtrichtung unſeres Dichters entgegen: die moderne Dichtung mit ihrer natura⸗ liſtiſchen Darſtellung, ihrer Milieumalerei und Kleinkunſt. Schließlich kam Nietzſche, der Umwerter aller Werte, und prägte das häßliche Witzwort vom„Moraltrompeter von Säkkingen“. Freilich mit dem Schillerſchen Humanitätsideal und mit Kants kategoriſchem Imperativ hatte Nietzſches Ubermenſch wenig zu ſchaffen. Und nachdem ein Großer über den Dichter alſo geurteilt hatte, glaubten auch die Kleinen ein Recht dazu zu haben; der erſte beſte Literat glaubte über den Angefeindeten aburteilen zu dürfen. Solche Dinge erregten wohl Unwillen und erfuhren Zurückweiſung, aber Schillers Anſehen litt doch darunter, und ſelbſt die für ihn einſt ſo begeiſterte Jugend ſchien von ihm abfallen zu wollen.
So erſchien es vielen fraglich, ob eine größere Feier zu Schillers hundertjährigem Todestage überhaupt angebracht ſei.
Nun, auf dieſe Frage hat das deutſche Volk am 9. Mai 1905 eine Antwort gegeben, die an Deutlichkeit nichts zu wünſchen übrig ließ. Daß dieſe Erinnerungsfeier zu einer ſo gewaltigen, die ganze Nation erfaſſenden Kundgebung anſchwellen würde, daß ſich alle Stände und Vereinigungen, auch die Jugend und die Frauen mit ſolcher Einmütigkeit zuſammenfinden würden und daß in dieſer Feier nicht bloß äußere Feſt⸗ freude, ſondern auch ſo viel Liebe zum Dichter und ſo viel Eifer, ſich zu ihm zu bekennen, zu Tage treten würde, das übertraf alle Erwartungen. Dieſe Feier war eine von Millionen abgegebene Erklärung, daß ſich das deutſche Volk ſeinen Schiller durch nichts nehmen laſſen wolle; ſie war aber auch ein Dankopfer für die Freude am Schönen und die Liebe zum Guten, die der Dichter in zahlloſen Seelen entzündet hatte. Widerlegt iſt nun die Behauptung, daß das ganze jüngere Geſchlecht von Schillerverachtung erfüllt ſei, zurückgewieſen die Anſicht, als habe Schiller uns heute nichts mehr zu ſagen. Schiller lebt unter uns, das klang aus all den Reden und Dichtungen, aus den unzähligen Abhandlungen heraus. Ja, wenn die Zeichen nicht trügen, hat dieſe Feier noch mehr


