Schiller und die Gegenwart. Vortrag.“*)
Zwei große Schillerfeſte ſind es, die die Älteren unter uns erlebt haben. Die Feier des vorigen Jahres erinnerte an den 10. November 1859, den hundertjährigen Geburtstag des Dichters. Es war das ein großartiges Feſt, wie es wohl ſelten einem Fürſten der Kunſt oder Wiſſenſchaft zu Ehren gefeiert worden iſt. Freilich galt dasſelbe nicht dem großen Dichter an ſich; aus allen Reden, Feſtgedichten und ſonſtigen Ver⸗ anſtaltungen jener Tage fühlte man es deutlich heraus, wie das Volk bei der Schillerfeier an ſich ſelber, an ſeine politiſchen Geſchicke und Hoffnungen dachte. Das Jahr 1848 hatte den Deutſchen nicht die erſehnte Einheit und Freiheit gebracht; das Volk fühlte ſich im öffentlichen Leben bedrückt; kein Wunder, wenn es ſich dem Dichter zuwandte, in deſſen Dichtungen es einen Ausdruck ſeiner ſehnſüchtigen Hoffnungen fand. Man feierte nicht den großen Dichter als ſolchen, ſondern den Dichter der Freiheit und des Vater⸗ landes, den Dichter, der ſeinem Volke die Mahnung zugerufen hatte:„Seid einig, einig, einig!“ Daß dem Gefeierten dabei vielfach politiſche Anſichten und nationale Empfindungen beigelegt wurden, die den ſeinigen nicht ganz entſprachen, iſt erklärlich; es äußerten ſich in jener Feier eben die eigenen Meinungen und Gefühle. Damals wurden ſich alle Deutſchen wieder bewußt, daß ſie trotz aller äußeren Zerriſſenheit und politiſchen Ohnmacht ein einig Volk von Brüdern ſeien, dem noch eine große Zukunft beſchieden ſei. Damals war Schiller der Lieblingsdichter ſeines Volkes.
Nun aber trat nicht lange nach dieſer Jahrhundertfeier ein Rückſchlag in der Wertſchätzung des Dichters ein, zu dem verſchiedene Urſachen zuſammenwirkten, Um⸗ wälzungen auf politiſchem und kulturellem ſowie veränderte Anſchauungen auf künſtleriſch⸗ literariſchem Gebiete.
Die weſentlichſten politiſchen Ideale, Einheit und Freiheit, wurden durch den deutſch⸗franzöſiſchen Krieg und die Gründung des Deutſchen Reiches verwirklicht; auch änderte ſich die politiſche Haltung der Deutſchen; unter der Führung eines großen Staatsmanns wurden ſie aus einem Volk von Träumern zu Realpolitikern, und nunmehr war Bismarck, nicht Schiller der geiſtige Führer der Nation. Und nun erkannte man, daß die eigenen politiſchen Empfindungen und Anſichten ſich mit denen des Dichters nicht überall deckten. Zwar hatte Schiller in ſeinen Dichtungen oft genug ein warmes
*) Der Vortrag wurde in einer Sitzung des Deutſchen Sprachvereins zu Tilſit am 31. März 1906 gehalten. Benutzt ſind in demſelben Arbeiten von Jonas, Kühnemann und Weltrich, ſowie die Berichte über die Schillerliteratur im Literariſchen Echo und die Veröffentlichung der Schillerſchen Dichtung„Deutſche Würde“ durch Zürn in der Zeitſchrift f. G.⸗W. 1905.


