Aufsatz 
Methodologisch-praktischer Leitfaden bei dem Unterrichte im kalligraphisch-orthographischen Schreiben, nebst stufenweise geordnetem Übungsstoffe zum Diktieren
Entstehung
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verdrangen und in unſern Elementarſchulen gewoͤhnlicher zu werden, nachdem ſie von Bell in Indien und Lancaſter in London ſchon vorher angewendet worden, an dem genialen Graſer aber, der die Le⸗ ſelehre in ihrer rechten Verbindung mit dem Elementarunterrichte darzuſtellen, und die Leſekunſt zu vereinfachen und zu erleichtern verſtand, einen würdigen Methodiker gefunden. Es iſt dieß eine an⸗ genehme Erſcheinung unſerer Zeit, und ſolche Lehrer, die ſich vom eigentlichen Werthe des wirklich Guten jener Lehrweiſe uͤberzeugt haben, und mit der innigſten Freude das ergreifen, was ihnen die neuere Zeit zur rechten Bildung des kindlichen Geiſtes angeboten hat, werden gewiß in ihrer prak⸗ tiſchen Anwendung mit dem ſchoͤnſten Erfolge gekroͤnt.

War es nun die Graſer'ſche Elementarſchule fürs Leben, welche als Modiſication der Lautir⸗ methode denſelben die neue Bahn eroͤffnete, oder ſuchten ſie das ganze Getriebe dieſes Unterrichs durch Graſers verbeſſerte Schreibleſemethode mit mehr Einfachheit und Popularitaͤt zu verbinden: in beiden Faͤllen koͤnnen ſie vor einem unpartheiiſchen Gerichte Stand halten; dagegen wollen diejenigen, welche in der Praxis ein anderes Verfahren fuͤr beſſer halten; oder das Beſtreben anerkannter Paͤda⸗ gogen nicht wuͤrdigen, Folgendes vernehmen.

Die verbeſſerte Graſerſche Methode beim Leſen⸗ und Schreibenlehren, welche als eine willkom⸗ mene Gabe ſehr anſchaulich und praktiſch darſtellt:Ludwig, J. L., der durch Erfahrung gebildete Graſer'ſche Schreib⸗ und Leſelehrer. 8. Nuͤrnberg. 1836. 36 kr., iſt ein unauflöslicher Synthetismus, aus der Anſchauung hervorgehend. Zuerſt wird das Kind auf das Beduͤrfniß der Sprache gefuͤhrt, und darauf hingeleitet, daß es nicht bloß eine Gehor⸗, ſondern auch eine Geſichtsſprache gebe. Da⸗ rauf wird es mittels Woͤrter⸗Analyſen mit den Mundſtellungen der Sprachlaute bekannt gemacht und zugleich angeregt, aus dieſen Mundſtellungen die Zeichen der Buchſtaben herzuleiten, da jene als die Urtypen von dieſen anzuſehen find. Das Kind bekommt dabei die Anweiſung, dieſe Zeichen in Wörtern zu ſchreiben und dann zu leſen, und ſo wird vorwaͤrts geſchritten von den einfachſten Zuſam⸗ menſtellungen bis zu Saͤtzen.

Beim Anfange des Schreibens wird die rohe lateiniſche Schrift, als entſprechender Typus der Mundſtellungen, angewendet. Dieſe Lettern eignen ſich ihren runden Geſtaltungen wegen fuͤr des Kindes Hand am beſten. Ihre Formen ſind einfach und feſt, beſtehen aus geraden und Kreislinien, und ſind ganz dazu gemacht, um mit ihnen den Grund zur Regelmaͤßigkeit in jeder Schrift, als die Baſis der Schoͤnheit, zu legen. Man findet damit alſo einen weit guͤnſtigeren Erfolg, als wenn man nach andern Methoden, zuerſt eckige Zeichen, die für dieſes Alter viel zu ſchwere deutſche Currentſchrift, waͤhlt, wobei die Buchſtaben von den Kindern nur nachgeformt werden koͤnnen, und ſomit der kalte Mechanismus in ſeiner ganzen Einfoͤrmigkeit daſteht. Zwar müſſen auch bei der lateiniſchen Schrift einige Zeichen vom Lehrer gegeben werden, weil es ja nicht moͤglich iſt, alle aus den Mundſtellungen zu entwickeln; aber was fuͤr Zeichen gebraucht werden bei Zuſammenſetzung von Silben und Woͤrtern, haben immer die Schüler zu ſagen..

In den nach Graſers verbeſſerten Vorſchriften eingerichteten Schulen leiſtet dieſe Methode Treff⸗ liches. Sechsjaͤhrige Kinder, nachdem ſie Ein Jahr die Schule beſucht haben, ſind im Stande, diktirte einfache Saͤtze ohne weſentliche Fehler gegen die Elementar⸗ZRechtſchreibung nieder zu ſchreiben und zu leſen. Das Kind arbeitet dabei von Anfange an mit klarem Bewußtſein in Selbſtthäͤtigkeit ohne allen Mechanismus, und wir koͤunen verſichern, daß die kleine Schaar ſich gern damit beſchaͤſ⸗ tigt und nur traurig wird, wenn es heißt:Der Unterricht iſt fuͤr dießmal beendet.

Sind die Kinder erſt recht mit den lateiniſchen Lettern vertraut, ſo iſt ihnen, zu eignem Er⸗ ſtaunen, der Uebergang zum Leſen der deutſchen Druckſchrift und zum Schreiben und Leſen der deut⸗ ſchen Currentſchrift mit einiger Nachhilfe leicht, beſonders da bei den meiſten Buchſtaben die groͤßte nid du bei einigen eine entfernte Aehnlichkeit Statt findet. Es iſt das eine Sache von wenigen

ochen.

Ob nun die verbeſſerte Graſer'ſche Methode bei uns ſchon hin und wieder Eingang gefunden, iſt uns unbekannt. Hoffentlich aber wird ſie von Jahr zu Jahr an Freunden gewinnen, die ihren Gang beobachten und ihren wahrhaften Nutzen erkennen. Jedoch duͤrften ſich ihre Anhaͤnger nicht ſcheuen, eine ſchwere Pflicht zu uͤbernehmen; denn der Lehrer ſoll unaufhoͤrlich thaͤtig ſein und kann ſich unmoͤglich einer gemächlichen Ruhe uͤberlaſſen. Aber nach zuruͤckgelegter Bahn iſt auch ein ſchoͤ⸗ nes Ziel, nämlich die wahre Bildung des Geiſtes ſchon fruͤh entwickelt zu haben, errungen.

Die Anwendung der Schreibleſemethode zerfaͤllt in die Voruͤbungen, welche auf der einen Seite