Aufsatz 
Methodologisch-praktischer Leitfaden bei dem Unterrichte im kalligraphisch-orthographischen Schreiben, nebst stufenweise geordnetem Übungsstoffe zum Diktieren
Entstehung
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wo ſie ausgeſprochen werden, zu erheben der Nachwelt außzubewahren; oder es ereignen ſich daſelbſt Umſtände und Begebenheiten, unſere Gedanken über den Ort, wo ſie ausgeſprochen werden, zu verſetzen, d. h. den von uns entfernten Perſonen mitzutheilen.

Die erſte Grundlage des Schreibens war mehr ein die Sache bezeichnender Umriß, alſo eine Art Bilder, Gemälde, durch die man ſich ausdrückte, und das Andenken merkwürdiger Perſonen oder Bege⸗ benheiten aufzubewahren ſuchte. Die Malerei ſcheint demnach eine ältere Erfindung als die Schreibekunſt zu ſein. Man fand hiervon würdige Proben bei den Merikanern, die durch die Anwendung von Gemäl⸗ den ihre Gedanken und Worte zu verkörpern, Gefühlen der Seele Farbe zu geben und zu den Augen zu ſprechen ſuchten, und ſomit ihre Geſetze und vaterländiſche Geſchichten der Nachkommenſchaft übermachten.

Allein die Hinderniſſe dieſer allererſten weitläufigen Schreibart, welche aus dem großen und zahl⸗ reichen Umfang der Bände ſolcher Werke hervorgingen, zwangen civiliſirte Völker, eine einfache und kür⸗ zere Schreibweiſe zu ſuchen. Die berühmteſte Methode von allen damals aufgefundenen, jedoch mit der Malerei der Merikaner einigermaßen vereinigt, wurde von den Aegyptern erfunden und Hieroglyphen (Bilderſchrift) oder heilige Zeichen genannt. Die Erſindung dieſer erſten Stufe der Vervollkommnung der Schreibekunſt hat aber nicht auf einmal, ſondern ſtufenweiſe und in drei verſchiedenen Zeiträumen Statt gefunden. Bei der erſten Schreibart wurde immer der Hauptumſtand irgend einer Sache angewendet, um die ganze Handlung auszudrücken. Wollten die Aegypter z. B. zwei in Schlachtordnung aufgeſtellt Armeen bezeichnen, ſo malten ſie nur zwei Hände, eine mit einem Schild und die andere mit einem Pfeil. Die zweite Schreibart beſtand darin, daß das reelle und phyſiſche Werkzeug einer Sache für die Sache ſelbſt dargeſtellt wurde, z. B. ein Auge und ein Zepter bezeichneten einen Monarchen. Bei der dritten Schreibart endlich bediente man ſich zur Darſtellung einer unſichtbaren Sache des körperlichen Gegenſtandes, der mit jener Sache Aehnlichkeit und Analogie zu haben ſchien, z. B. das Lamm war das Sinnbild der Sanftmuth.. 3

Dieſe Art zu ſchreiben war doch immer noch unvollkommen und ſchwer zu begreifen, und iſt jetzt noch der Gegenſtand unbefriedigter Wißbegierde der Gelehrten. So beſchaffen war auch die Schreibart der Peruaner, die ſich kleiner Schnuren von verſchiedenen Farben bedienten, in welche ſie Knoten von verſchiedener Größe und Eintheilung machten, um ihre Gedanken mitzutheilen.

Von der Bilderſchrift ging man zur Erfindung und Anwendung der Buchſtabenſchrift über. Man ſchätzte den Vorzug, ſich einfacher Zeichen zu bedienen, welche die Sache nicht unmittelbar vorſtellten, ſon⸗ dern nur die Töne der Rede bezeichneten. Bemerkt wurde die große Anzahl der Worte einer Sprache, zugleich aber auch die nur wenigen artikulirten Laute derſelben, und ſo wurde man auf die Erfindung von gewiſſen Figuren, Bildern und Zeichen geleitet, die nicht das ganze Wort, ſondern nur den unter⸗ ſchiedenen Laut in den Sylben ausdrücken, aus denen es zuſammen geſetzt iſt, und Buchſtaben genannt werden, bis man endlich ein geordnetes Buchſtabenalphabet zu Stande gebracht hatte. Als eigentliche Erfinder der Buchſtabenſchrift nennt man die Aegypter. Von dieſen kam ſie durch Kadmus aus Theben in Ae⸗ gypten ſtammend und ein Zeitgenoſſe Joſuas nach Phönicien, dann nach Griechenland und endlich zu den Hetruskern und Römern. Uebrigens kann die eigentliche Buchſtabenſchrift nicht viel über das So⸗ lon'ſche Zeitalter, 600 v. Chr., hinaufgerückt werden.

Unterſchiedene Sprachen haben auch wohl in der Regel unterſchiedene Buchſtaben. So gleichen z. B. die lateiniſchen Buchſtaben in Hinſicht ihrer Züge ſehr dem Alphabet der Phönicier und das rö⸗ miſche Alphabet iſt, einige Veränderungen abgerechnet, nach dem griechiſchen gebildet.

Die Art und Weiſe, beim Schreiben die Buchſtaben zu ſetzen, iſt ſehr verſchieden. Die Europäer ſetzen die Worte am bequemſten und natürlichſten, nämlich neben einander, von der linken nach der rech⸗ ten Hand, und kehren dann wieder zurück, dagegen die Morgenländer, wie die Hebräer, Phönicier, Aſ⸗ ſyrer, Araber ꝛc., ſetzen ſie von der rechten zur linken Hand. Die Chineſen und Japaneſen ſetzen die Worte oder Zeichen unter einander, von oben herunterwärts; die Mexikaner über einander, von unten hinaufwärts, und andere, wie im grauen Alterthum die Griechen, nach Art des Pflügens, abwechſelnd von der Rechten nach der Linken, und von dieſer wieder zurück nach jener.

Die Schreibekunſt blieb lange in faſt allgemeiner Unkenntniß. Sogar findet man jetzt noch Völker welchen der Gebrauch derſelben ganz fremd iſt. Und wem ſollte nicht bekannt ſein, daß es vor nicht kanger Zeit noch eine Seltenheit war, wenn ein Ungar, ein Spanier, ein Schotte und ein Schwede ſchreiben konnte? Selbſt jetzt noch mag dieſe Kunſt in Rußland, in der Türkei, in Spanien und Portugal ſelten anzutreffen ſein. 5*.