Aufsatz 
Die thessalische Ebene / von Kriegk
Entstehung
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Schriftsteller aus eigener Anschauung oder nach dem Berichte eines Beobachters redet, sondern dass sie nur das im Homer Gelesene zu erläutern suchen. Es ergibt sich sogar, auch wenn man auf die letzten der oben angeführten Worte des Eustathius kein Gewicht legen will, aus allen an- deren citirten Stellen, dass in der nachhomerischen Zeit niemand am Wasser des Titaresius irgend eine besonders auffallende Erscheinung bemerkte. Man wird deshalb auch nicht annehmen dürfen, dass Homer eine solche habe beschreiben wollen, sondern man wird vielmehr das von ihm Gesagte auf die bekannte Erscheinung beziehen müssen, dass das Wasser mancher Flüsse wegen seiner verschiedenen Farbe oder seiner grösseren Leichtigkeit nach der Mündung der- selben noch eine Strecke lang erkennbar bleibt. Bei einem Flusse wic der Titaresius, dessen Lauf grösstentheils ein Gebirgslauf ist, welcher also klareres Wasser hat, und der in einen Fluss von schmutzigem Aussehen mündet D), muss diese Erscheinung besonders auffallend sein ²). Rüh- men ja doch die Reisenden auch von den Bächen, welche im Tempe dem Peneus Zufliessen, dass sie insgesammt ein auffallend klares Wasser hätten, und deshalb zum Theil noch eine Strecke weit im Peneus sichtbar seien. Wahrscheinlich entstand bei den Anwohnern des Titaresius aus jener bei demselben vorzugsweise auffallenden Erscheinung die Mythe, dass der Titaresius kein gewöhnliches Wasser enthalte, sondern ein Abfluss des Styx sei, und dies mag dann der Grund sein, warum Homer gerade beim Titaresius sie erwähnt hat. Das mut' Sluo aber bezeichnet nicht einen besonderen Stoff des Titaresius-Wassers, sondern soll nur, vermittelst der Anführung eines analogen Falles, das Unvermischtbleiben desselben anschaulicher darstellen. Uebrigens hat keiner der uns bekannten Reisenden die Mündung des Titaresius selbst gesehen; wir erfah- ren daher auch nicht, ob die erwähnte Erscheinung bei ihm besonders auffallend ist.

Die Homerische Stelle ist von Strabo und anderen alten Schriftstellern misverstanden wor- den. Sie fassten den Ausdruck mur'&aauνr und die Erwähnung des Styx so auf, als wenn daraus auf einen ölartigen Stoff und auf ein dunkles, hässliches Aussehen des Titaresius geschlos- sen werden könne; sie fanden deshalb auch in dem Ausdruck TIIHναιιας dοννννοονε einen Gegen- satz, und bezogen ihn auf die vermeintliche Klarheit des Peneus-Wassers ³). Wir haben so- wohl aus der Natur der Sache, als auch aus den Berichten der Reisenden nachgewiesen, dass der Peneus ein klares Wasser weder habe, noch jemals gehabt haben könne. Da nun überdies Strabo und Plinius den Peneus nicht selbst gesehen haben, so braucht ihre Angabe über die Farbe seines Wassers nicht weiter berücksichtigt zu werden. Des Dichters AusdruckSil- bersprudelnd aber hat, wie Dodwell und Leake vortrefflich erläutern, seinen Grund ein- fach darin, dass das schmutzig gelbliche Wasser des Peneus, besonders in den kleinen Wirbeln,

8 welche es an den engeren Stellen seines Laufes bildet, einen lichten Schein hat ¹). Doch fügt

¹) Leake bezeichnet den Titaresius als clear and pellucid, den Peneus als muddy and turbid. Man könnte auch mit Oifried Müller(Dorier I, S. 26.) den Unterschied dahin bestimmen, dass der Titaresius klares und deswegen dunkles Wasser habe, der Peneus aber schlammführend und darum weisslich sei. Müller bezieht darauf auch den Namen Eurotas in derjenigen Form, in welcher die Strabonischen Excerpte ihn geben, nämlich Europos, d. i. der dunkle.

¹) Wir verweisen noch auf ein Wort Pouqueville's. Dieser sagt(Grèce vol. III, 50 f.): On distingue au premier coup-d'oeil à leur physignomie saine et robuste les habitants de la vallée du Titarèse de ceux de la rive droite du Pénée, dont le teint jaunatre annonce P'air fiévreux de la contrée qu'ils habitent. Ceitte observation avait été fait par Brown, et elle frappera tous les voyageurs, qui visiteront cette vallée, dont le Titarèse aux ondes limpides fertilise les campagnes.

¹) Sie übersetzten das οeνννοεeνωε durch ραο und argenteus. Plinius sagt sogar, der Peneus zeichne sich vor allen anderen thessalischen Flüssen claritate aus.

³) Dodwell 196 f., Leake III, 396., IV, 291. 296. Auch Gell 277 sagt ebenso, das Wasser des Peneus sei of a whi- tish hue, wie Leake es mit dem Ausdruck ihe white hue of its turbid waters bezeichnet.