Aufsatz 
Über den dramatischen Wert von Uhlands "Ernst, Herzog von Schwaben" / vom ... Karl Krickau
Entstehung
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Über den dramatischen Wert von Uhlands Emst, Herzog von Schwaben.

Uber Uhland den Lyriker und Balladendichter gibt es nur ein Urteil des Lobes, der Anerkennung; über Uhland den Dramatiker weichen die Ansichten weit von einander ab, meist ablehnend, nur selten rückhaltlos anerkennend. A. v. Keller hat eine ganze Reihe von drama- tischen Entwürfen und ausgeführten Bruchstücken des Dichters veröffentlicht, aber nur zwei Stücke, Ernst, Herzog von Schwaben, und Ludwig der Baier, sind zur Vollendung gelangt. Das'erste ist das bedeutendere unter ihnen, und wenn wir in der folgenden Abhandlung versuchen dies Drama nach dem Aufbau der Handlung, den Charakteren, der Formgebung und im Verhältnis zum ersten Entwurf zu beurteilen, so hoffen wir zugleich einen Beitrag zur Beantwortung der Frage zu geben, welche Bedeutung Uhland als Dramatiker zu beanspruchen hat.

I. Gang der Handlung. 1. Aufzug.

1. Um die Krone in seinem Hause erblich zu machen, will Kaiser Konrad II. seinen Sohn Heinrich als König krönen lassen. An diesem freudevollen Tage bittet Gisela ihren Gemahl, er möge ihren Sohn aus früherer Ehe, Ernst begnadigen. Drei Jahre schon sitzt er auf dem Gibichenstein gefangen, seines Herzogtums Schwaben entsetzt. Zweimal hatte er sich gegen Kaiser und Reich empört und die Waffen ergriffen, um als Anverwandter Rudolfs III. von Burgund dessen Reich, das dieser Kaiser Heinrich II. und mithin, wie Konrad annahm, auch ihm als Nachfolger in der Kaiserkrone vermacht hatte, für sich zu gewinnen. Die Bitte seiner Gemahlin vorausahnend, hat Konrad den ungetreuen Sohn herbeikommen lassen, bereit ihm noch einmal zu verzeihen und ihn wieder in sein Herzogtum einzusetzen, lässt aber Gisela vorher geloben, dass sie nicht wieder für Ernst bitten wolle, falls er die ihm vorgeschriebenen Bedingungen nicht be- schwöre und sich zum dritten Male auflehne. Bleich und hager, geknickt in seinen Hoffnungen, tritt der Frühgealterte in den Kreis der Familie und dankt dem Kaiser für seine Huld.

Aus dem Saale im Palast zu Aachen, in dem die vorige Scene spielt, werden wir in den Saal der Reichsversammlung geführt. Hier treten die Gegenspieler Warmann und Mangold auf, die Männer, welche den Untergang Ernsts herbeisehnen und aus seinem Falle Vorteil zu ziehen hoffen. Mangold von Veringen hatte einst zu den Mannen Herzog Ernsts gehört, war aber von ihm abgefallen, um auf die Seite des Kaisers zu treten. Jetzt, wo er den Herzog an der Seite seiner Mutter wie ein aus dem Grabe erstandenes Gespenst im Krönungszuge hat dahinziehen sehen, erfasst ihn Reue und Gewissensangst, die der kluge Oheim, Bischof Warmann zu beschwichtigen sucht. Er weiss es, zwischen dem nach Macht und Ansehen des Reiches ringenden Kaiser und den auf ihren Vorteil bedachten Ständen gibt es keinen dauernden Frieden. Als stellvertretender Kanzler hat er den Lehensbrief für den Herzog abgefasst und kennt die an die Belehnung ge- knüpften Bedingungen, aus dem neuer Zwist hervorgehen muss.

2. Der Krönungszug kommt aus dem Dom in den Saal der Reichsversammlung. Der Kaiser will Herzog Ernst, der auf Burgund verzichtet hat, von neuem mit Schwaben belehnen, doch soll er zuvor den doppelten Eid schwören, dass er an keinem seiner Mannen, die ihn einst verlassen haben, Rache nehmen und dass er den geächteten Grafen Werner von Kiburg nicht in den Grenzen seines Herzogtums dulden, ja, wenn möglich, ihn zu des Reiches Haft ergreifen will. So bereit nun auch der in sich gebrochene, nach Frieden verlangende Herzog ist den ersten Schwur zu thun, so fest entschlossen weist er es von sich den treusten Freund zu ver- raten, der allein fest zu ihm stand, als alle seine Mannen ihn verliessen. Vergebens zeigt ihm