Aufsatz 
Einige Ideen über die bei formeller Geistesbildung zu beobachtende Harmonie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

ohne Mühe bietet, wodurch eine Zerſtreuung und eine Scheu vor Anſtrengung begründet werden, welche ausdauernder harmoniſcher Thätigkeit direkt im Wege ſtehen..

Wenn es nun auf Schulen nicht darum zu thun iſt, einen oberflächli⸗ chen Dilettantismus, ſondern ächten Sinn für Wiſſenſchaft zu entwickeln, ſo iſt nichts mehr zu vermeiden, als alles, was dieſer Zerſtreuung Vorſchub thut, das ohnehin frivole Herumkoſten in den Wiſſenſchaften, indem man hier und dort das Intereſſante und Leichte aushebt, und das Eilen zu dem Reſultat, welches die Prämiſſen vorbeigeht. Gründlichkeit des Unterrichtes, welcher die ganze Selbſtthätigkeit des Zöglings ſtreng auffordert und in Anſpruch nimmt, dann diejenigen formellen Bildungsmittel, welche dem Sinne nur wenig bietend, den Verſtand und das Combinationsvermögen üben, vornehmlich die alten Sprachen und Mathematik gewöhnen hier an den Ernſt der Beſchäftigung und die Auf⸗ merkſamkeit, ohne welche gediegene klaſſiſche Bildung nimmer gedeihen kann.

b) Poſitiv iſt die Behandlung, Cultur, Anregung, Entwickelung und Ausbildung der minder und ſtarken und minder thätigen Kräfte. Da in dieſen Blättern das geſammte Geſchäft der Geiſtesbildung nicht umfaßt werden kann, ſo beſchränke ich mich auf einige Worte über die Benutzung der Neigungen des Zöglings zur Anregung ſeiner Thätigkeit.

*.) Genau genommen wiürde es hier fehlerhaft ſeyn, den Ehrtrieb(das Ehrgefühl kömmt hier eigentlich nicht zur Sprache) zum Antrieb der Thätigkeik gebrauchen zu wollen. Abgeſehen von allem Uebrigen iſt es Aufgabe der ſittli⸗ chen Erziehung, dieſen Ehrtrieb, der in der Auſſenwelt für das Selbſt Beſtand ſucht, in das Gefühl der ſittlichen Selbſtſtändigkeit zu verklären. In ſittlicher Hinſicht kann alſo auch das ſogenannte Certiren, wenigſtens in den höheren Claſſen der Gelehrtenſchulen, nur ein fehlerhaftes Disciplinarmittel ſeyn.

6) So darf auch die Erziehung auf Pädagogien von der Neugier kei⸗ nen Antrieb zur Thätigkeit verlangen. Nur in derjenigen Entwickelungsperiode des Menſchen, wo er noch nicht zum Selbſtbewußtſeyn erwacht der objectiven Welt hingegeben iſt, kann die Erziehung jene berückſichtigen. Sie müßte aber über ſich ſelbſt im Irrthum ſeyn, wenn ſie in einem ſpäteren Bildungsalter, wo ohnehin der Erkeuntnißtrieb in Wißbegierde hervortritt und wo ſich ein höheres

2*