Aufsatz 
Einige Ideen über die bei formeller Geistesbildung zu beobachtende Harmonie
Entstehung
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letzteres aber wieder von der Fähigkeit,(von Fahen, potentia passive, capaci- tas) zu unterſcheiden iſt. So hat, um dies an einem Beiſpiel zu erläutern, das Thier weder Vermögen noch Fähigkeit der Vernunft, der Menſch aber nicht Vernunftfähigkeit, wie man oft unrichtig ſagt, da ihm Vernunft nicht angebil⸗ det wird, ſondern Vernunftvermögen(rationabilitas), welches entwickelt werden kann, und, in Thätigkeit tretend, Vernunft heißt. Außerdem ſind alle Schwä⸗ chen intellektneller Kräfte entweder natürliche oder künſtliche, durch Mangel an Ausdildung bedingte⸗

Neben andern Kräften findet nie abſoluter Mangel einer einzelnen Statt, da dasjenige, was wir einzelne Kräfte nenneu, nur verſchiedene Hand⸗ lungsweiſen der Einheit des menſchlichen Geiſtes ſiid. Paſſend hat man für dieſe den Ausdruck Kraft aus der Phyſik entlehnt, wo er weiter nichts, als den Markſtein unſeres Erklärens, eine qualitas occulta, anzeigt, was auch der menſchliche Geiſt in aller Erſcheinung ewig bleibt.

Wo ſich aber auch nur Schwäche eines Vermögens findet, da kann die Erziehung nie ganz geben, was die Natur verſagt hat, Stärke des Vermö⸗ gens ſelbſt; dem Dummen nicht Geiſt, dem Einfältigen nicht Scharfſiun oder Witz. Wohl läßt ſich indeſſen die Thätigkeit, der Potenz nach ſchwacher Kräfte, üben, ſtärken und ſchärfen. Selbſt die Urtheilskraft, welche ſich als natürliches Vermögen nie durch Einlernen erwerben läßt, kann durch Uebung gewitzigt und die bornirte Denkungsart durch Erweiterung des Horizontes zur ſiberalen er⸗ hoben werden. Doch iſt dies mehr das, nach den Regeln des zwangfreien, li⸗ beralen und conſequenten Denkens*²), eingeleitete Geſchäft des ganzen Lebens, als eigentlich der Erziehung, welche es nur beginnen kann. Ihr Geſchäft iſt es mehr die latenten, nur potentialiter vorhandenen Kräfte anzuregen und zur Thätigkeit hervorzurufen, dieſe Thätigkeiten aber gleichförmig zu üben. Die Behandlung ſelbſt, wodurch ſie dieſes unternimmt und vermittelt, theilt ſich in eine negative und eine poſitive.

*) Vergl. Kants pragmatiſche Anthropologie Seite 167.